Sonntag, 19. Januar 2014

Wohlergehen: Der Ort, an dem Veränderung stattfindet (Teil 1)

 Interview mit Sandra Ljubinkovic


Sandra und ich haben uns über eine weltweite Mailingliste kennengelernt, die Menschen untereinander vernetzt, die Retreats/ Selbstfürsorge-Workshops für Aktivist_innen anbieten oder Retreat Centers aufbauen möchten. Letzten November konnten wir uns endlich persönlich kennenlernen und haben stundenlang über unsere Visionen geredet und uns gegenseitig in unserer Kritik an teuren Entspannungswochenenden für Frauen wiedererkannt. Ich freue mich, dass Sandra ihre jahrzehntelangen Erfahrungen auf meinem Blog teilt.

Die Übersetzung des Interviews ist von mir.

English version below


Sandra, stell dich doch kurz vor.
 In den letzten zehn Jahren habe ich mit Kolleg_innen auf der ganzen Welt das Konzept von Integrated Security (integrierter Sicherheit) und Wohlergehen von Frauenmenschenrechtsaktivist_innen und LSBT-Rechtsaktivist_innen global entwickelt und damit gearbeitet. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz, der verständlich macht, welchen körperlichen und psychologischen Preis die Körper und Seelen von Frauenrechts- und LSBTIQ-Rechtsaktivist_innen zahlen müssen. Diese Arbeit baut auf der Initiative, geteilten Erfahrungen, Konzepten und Werkzeugen auf, die von Individuen, Aktivist_innen und Organisationen entwickelt wurden. Es geht darum, Aktivist_innen, Organisationen und Bewegungen zu stärken, mit der Perspektive, dass die Gesundheit (körperlich, geistig, emotional und spirituell) und die Sicherheit von Frauenrechtsaktivist_innen und LGBTIQ-Aktivist_innen untrennbar mit eben diesen Communities, Organisationen und Bewegungen verbunden sind.


Was bedeutet Selbstfürsorge/ Wohlergehen für dich?

Ich habe immer daran geglaubt, dass wir mehr als die Summe unserer Körperteie sind. Bevor ich Aktivistin wurde, habe ich als Physiotherapeutin mit professionellen Sportler_innen in Serbien gearbeitet, was mittlerweile mehr als 18 Jahre her ist. Ich hab gesehen, wie erfolgsorientierte Menschen die besten Ergebnisse mit ihren Körpern erzielen wollten, wie sie ihre Körper mit endlosen Stunden von Training gefoltert und ausgelaugt haben und sie waren komplett unverbunden mit ihrem Geist und ihrer Seele. Als ich in den 90ern in den feministischen Aktivismus in Serbien eingetaucht bin, war die Situation das genaue Gegenteil – die meisten Aktivist_innen lebten in ihrem Kopf/ Geist, komplett unverbunden mit ihren Körpern und Seelen. Viele Jahre an Selbsterforschung und Selbstreflektion haben mich zu den verschiedensten Orten auf dem Planeten gebracht, es hat mich an die Grenzen von Wissenschaft, Energiearbeit, Heilen, Selbstheilen und Spiritualität gebracht. Ich bin gereist, hab verschiedene Techniken erforscht, die alle Aspekte unserer Seins miteinander verbinden... Ich bin durch meinen eigenen Heilprozess gegangen... und hab dabei gelernt, alles, was ich bin, anzunehmen, alle Wunden, Ängste, Erwartungen; dabei hab ich meine Sicherheiten verändert oder verloren; bin da geblieben, wenn mich Konflikte immer weiter herausgefordert haben; hab losgelassen und mich weiter bewegt; hab mich traurig, wütend und freudvoll gefühlt; hab mich in der Gesellschaft von anderen Aktivist_innen unsicher gefühlt; hab die Angst gespürt, von anderen zurückgewiesen zu werden, wenn ich es ihnen nicht recht mache; hab mich von Menschen verraten gefühlt, denen ich vertraut habe; hab mein eigenes Potential angenommen, meine Schattenseiten; hab meine Vergangenheit und meine Verluste betrauert; hab mehr gegeben, als ich eigentlich konnte; hab mich schuldig gefühlt, weil ich mir frei genommen hab; hab Fehler gemacht und Erfolge gehabt und endlich gewusst, was ich will...

Selbstfürsorge oder Wohlerfehen bedeutet für mich ganz zu sein, den Raum zu haben oder zu schaffen mich selbst tiefer kennenzulernen, bis an den Kern, durch meine eigenen Begrenzungen, Vorurteile, inneren Kritiker_innen, Ängsten, Traumas, Wut, Wunden, Schmerz hindurchzugehen und mir selbst den Raum zu erlauben zu trauern, loszulassen, alles anzunehmen, willkommen zu heißen ohne Bewertung, ohne daran zu denken, was andere denken könnten, es in der Fülle zu fühlen, zu weinen und die tiefgreifende Erfahrung zu machen gehalten zu werden, mehr Vertrauen zu haben, keine Angst zu haben zu stoppen oder zu reflektieren, nicht neurotisch durch Aktivismus und das Leben zu rennen, weil ich denke, dass, wenn ich es nicht mache, ich „weniger Aktivist_in“ oder „nicht gut genug“ bin oder mich schuldig fühle, weil die Welt untergehen würde, wenn ich mir frei nehme oder wenn ich für einen Moment innehalte... Unsere neurotische Angst hält uns an weiterzumachen, laugt uns aus, verbrennt uns, voller Angst und Beschuldigungen und vergiftet unsere Beziehungen.

Auf meinem eigenen Weg von Heilung und persönlichem Wachstum als Aktivistin und Menschenrechtlerin hab ich mir erlaubt anzuhalten. Für drei Monate. Und weißt du was? Die Welt ist nicht untergegangen. Sie hat sich weiter bewegt. Nur ich hab angehalten. Etwas an dieser Nicht-Bewegung war so aufregend... irgendeine neue Qualität ist in dieser „Stille“ und „Nicht-Bewegung“ entstanden. Ich war sehr fasziniert von diesen inneren „Bewegungen“... ich konnte meine Ängste, meine Schuldgefühle, meine Wut, meine Wunden sehen und sie bis in ihren Kern erspüren, ohne sie zu verurteilen... ich hab verstanden, dass es meine verwundeteten Teile waren, die mich eingeladen haben, sie anzunehmen und zu heilen.

Viele Aktivist_innen, mit denen ich gearbeitet habe, wissen, dass ihre Körper mehr sind, als sie sich bislang getraut haben zu erkunden. Sie wissen, dass sie ihren Körper, Geist und Seele (falsch) behandeln und ihren Schmerz jahrelang mit sich herumtragen und festhalten. Manchmal ist Schmerz da, um von ihm zu lernen, um durch ihn hindurch zu gehen und ihn anzunehmen. Ich mag das Wort „verletzte_r Heiler_in“ welches sich psychologisch bezieht auf „die Fähigkeit mit dem Leiden zuhause zu sein und dort Möglichkeiten der Regeneration zu finden“. Durch unsere Wunden hindurchzugehen bedeutet zu realisieren, dass wir nie wieder die gleichen sein werden, wenn wir auf der anderen Seite des Prozesses ankommen. Durch unsere Wunden lernen wir einen Teil von uns kennen, der nicht verwundet ist. Unsere Wunden sind dann nicht das Hindernis zu unserer Ganzheit, sondern ein Ausdruck davon, da wir ohne unsere Wunden nicht den Teil von uns kennengelernt hätten, der ganz, frei, geheilt und aufmerksam ist.

Es kann so viel Freude bringen, mit deinem Körper verbunden zu sein, durch all deine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen hindurch zu gehen und sie anzunehmen, die uns mit unserer Spiritualität in Verbindung bringen. Wenn sich Aktivist_innen auf „Selbsterfahrung“ einlassen, dann realisieren sie häufig versteckte Potentiale, was eine sehr aufbauende Erfahrung ist.

Teil 2 zu Verbindungen zwischen Selbstfürsorge und Aktivismus
Teil 3 zu Visionen von feministischem Wohlergehen 



Weitere Informationen zu Sandra Ljubinkovic
Sandra (MSc in Gender, Rights and Development) ist feministische Aktivistin mit mehr als 15 Jahren professioneller Erfahrung in Frauen- und Minderheitenrechten. Beruflich kommt sie aus der feministischen Beratung, Advocacy- und Lobbyarbeit, Organisationsentwicklung, Community-Building, Entwicklung und Durchführung von Trainings für verschiedene Akteur_innen. Sandra zieht ihr umfangreiches Wissen und ihre Erfahrung aus Community-Organizing, Kampagnen, Leitung von Organisationen, Netzwerken, Entwicklung und Durchführung von Trainings zu Integrated Security und Wohlergehen von Frauenrechtsaktivist_innen auf der ganzen Welt. In letzter Zeit hat sie aktiv Frauenrechtsaktivist_innen darin unterstützt Beziehungen untereinander weltweit aufzubauen, die immer noch miteinander vernetzt sind, Strategien planen, sich empowern, Gesellschaft verändern und gegenseitig ihr Leben, Communities und Bewegungen bereichern.
Sandra ist auch Mitglied des Internationalen Beirats von BRIDGE am Institute of Development Studies in Großbritannien.

In einfacheren Worten, Sandra ist ein freier Geist, Reisende, Vagabundin und genießt ihr Leben in allen Formen in dem Wissen, dass wir mehr sind als unsere Körper, Gedanken, Emotionen, Konzepte und Begehren... Ihr tiefer Wunsch sich mit dem bedingungslosen Sein zu verbinden, das unser endloses Potential ist, erlaubt es ihr, die Dinge geschehen zu lassen, die geschehen :))


Kontakt: sandra.ljubinkovic@gmail.com



English version:



Sandra, tell us something about yourself
 In the last 10 years i have been developing and working with other colleagues from around the world on the issue of Integrated Security and Well-being of Women's Human Rights Defenders-(W)HRD and LGBT rights defenders globally. It's a holistic approach that offers understanding the importance of physical and psychological toll that human rights defense has taken on women's and LGBTIQ defenders bodies and spirits. This work has built on initiatives, shared experiences, concepts and tools developed by individuals, defenders and organizations. It is about sustaining activists, organizations and movements through the lenses that the health (physical, mental, emotional and spiritual) and safety of WHRD and LGBTIQ defenders/activists  that are inseparably linked to these same communities, organizations and movements.

What does self-care/ well-being mean to you?
I have always believed that we are more than just a sum of our body parts. Before i became an activist, i worked as physiotherapist with professional sport players in Serbia which is now more than 18 years ago. i have witnessed how high achievers were trying to achieve best results with their bodies, they were torturing and exhausting their bodies with endless hours of training, exercising and they were totally disconnected from the mind and spirit. Once i jumped into feminist activism in Serbia in the '90s, the situation was exactly the opposite - most activists were living in their head/mind, totally disconnected from their bodies and spirits. For many years, self-research and self-inquiry brought me to the various places on the planet, it brought me to the edge of science, energo-work, healing, self-healing and spirituality. I was traveling, researching various techniques that integrate all aspects of our being… i went through my own personal healing journey… learning to embrace all who i am, all wounds, fears, expectations, changing or loosing the safety, staying when conflicts kept challenging me, letting go and moving on, feeling sad, angry or joyous, feeling unsafe in company of fellow activists, feeling the fear of rejection by others if i don't please them, betrayal by the ones i trusted, embracing my own potential, my shadow side, grieving the past or any loss, giving more than i could handle, feeling guilty if i take time off, failing or succeeding and finally knowing what i want….

Self-care or well-being for me means being whole, having and creating space to get to know myself deeper, to the core, walk through my own limitations, prejudices, inner critic, fears, traumas, anger, wounds, pain, allowing myself space to grief, let it go, embrace all of it, welcome it without judgement, without thinking what other may think, feel it to the fullness, cry and feel that profound experience of being held, having more trust, not being afraid to stop and reflect, not neurotically run through activism and life because if you don't do it, then you are "less of an activist", or "not good enough", or feeling guilty when we take time off since this world will absolutely fall apart if we stop for a moment….Our neurotic fear keeps us running, makes us totally drained, burned out, tired,  full of anger, blame and intoxicates all our relationships.

On my own way of healing and personal growing as an activist, leader, human rights advocate, i allowed myself to stop. For 3 months. And you know what? the world did not fall apart. It was still moving. Only I stopped. There was something SO exciting in this non-movement… some new quality was emerging in this "silence" and "non movement". I was absolutely fascinated by this inner "movements"… i could see my fears, guilt, anger, wounds, feel them to the core, without judgement…. i understood that they were all my wounded parts that were inviting me to embrace them and to heal them.

Many activists I have worked with know that there is a lot more to their bodies than they have ever dared to explore. They know that they are (mis)treating their bodies, minds and Souls and carrying and holding their pain over the years. Sometimes pain is there to learn from it, to walk THROUGH it and embrace it. I like the word "Wounded Healer" which refers psychologically to "the capacity to be at home with the shadow of suffering and there to find gems to light and recovery". Going through our wound means realizing that we will never be the same again when we get to the other side of this initial process. Through our wound we are introduced to the part of ourselves that is NOT wounded. Our wound is then not the obstruction but the expression of our wholeness, as without wound we wouldn't be introduced to our part of us that is whole, free, healed and awake.

There is so much joy to be had from being in connection with your body, walking through and embracing all our thoughts and feelings, memories that brings us in connection with our spiritual nature. When activists open up for "self-experiencing" then they often realise how much hidden potential they have, which is a very uplifting experience.

Part 2 on connections between self-care and activism 
Part 3 on visions of feminist well-being


More information about Sandra Ljubinkovic
Sandra, MSc in Gender, Rights and Development, is a feminist activist with more than 15 years of relevant professional experience in women's and minority rights. Her professional background is in feminist counseling, advocacy and lobbying, organizational development, community building, developing and delivering trainings for various stakeholders. Sandra draws her extensive knowledge and experience from community organizing, advocacy campaigns, managing organizations, networking and developing , managing and delivering trainings and expertise in developing and delivering trainings on Integrated Security and activists' well-being for women's rights defenders around the world. She has been actively supporting networking and facilitating relationships with diverse women's rights defenders throughout the world where they continue connecting, strategizing, empowering, transforming, and contributing to each others lives, communities and movements.
Sandra also serves as a member of the International Advisory Committee for BRIDGE at the Institute of Development Studies in the United Kingdom .

In a simple words, Sandra is free spirit, traveler, vagabond, enjoying life and experiences in all it's forms knowing that we are more then just our bodies, thoughts, emotions, concepts, desires…. Her deep commitment to access the unconditional Being that is our endless potential is bringing her to allow what wants to happen :))

Contact: sandra.ljubinkovic@gmail.com



Montag, 6. Januar 2014

Sunday Dinner Table



Seit einem Jahr koche ich jeden ersten Sonntag im Monat ein Drei-Gänge-Menü für meine Freund_innen. Für mich ist das ein kleiner Beitrag zu feministischen caring communities. In meinem Verständnis von Repro-Arbeit gebe ich Energie in mir wichtige Menschen, die ihre Energie für andere Dinge verwenden oder deren Energie von anderen Dingen aufgebraucht wird.
In dem Retreat Center, das ich mit aufbauen möchte, gibt es in meinem Vorstellungen eine lange Holztafel, die in einer riesigen Wohnküche steht. Ich stelle mir dort Frühstückszenen vor, in denen ich vor Ahornsirup driefende Pancakes auf den Tisch stelle und mich dann mit in die herzenswarme Runde von Menschen setze.

Diese Sunday Dinner sind für mich auch eine Intervention in andere Dinner-Szenen, wie mir über das Lesen von Sara Ahmeds Texten klar wurde. Sie schreibt über die Anspannung, die es an Essenstischen häufig gibt, wenn alle mit den Augen rollen, wenn die_der "feminist killjoy" mal wieder – zum gefühlten hundersten Mal – in die vermeintlich lustige Anekdote interveniert, die mit diskriminierenden Wörtern und Stereotypen nur so gespickt ist.

My experience of being a feminist has taught me much about rolling eyes. This is why when people say the bad feeling is coming from this person or that person, I am never convinced. My skepticism comes from childhood experiences of being a feminist daughter in a relatively conventional family, always at odds with the performance of good feeling in the family, always assuming to be bringing others down, for example, by pointing out sexism in other people's talk. Say we are seated at the dinner table. Around this table, the family gathers, having polite conversations, where only certain things can be brought up. Someone says something that you consider problematic. You respond carefully, perhaps. You might be speaking quietly; or you might be getting "wound up," recognizing with frustration that you are being wound up by someone who is winding you up. The violence of what was said or the violence of provocation goes unnoticed. However, [they] speak, the feminist is usually the one who is viewed as "causing the argument," who is disturbing the fragility of peace.
(Sara Ahmed: The Promise of Happiness)
Meine Erfahrungen als Feministin haben mich sehr viel über Augenrollen gelehrt. Deshalb finde ich es nie überzeugend, wenn eine Person sagt, dass diese oder jene Person schlechte Stimmung verbreitet. Meine Skepsis stammt von frühen Kindheitserlebnissen als feministische Tochter in einer relativ konventionellen Familie, wo ich mich nie mit der Performance von guter Stimmung in der Familie wohl gefühlt hab und immer davon ausgegangen bin, dass ich andere runterziehe, wenn ich zum Beispiel auf Sexismus im Sprechen anderer hinweise. Stell dir vor, wir sitzen beim Abendessen. Um den Tisch herum ist die Familie versammelt, in höfliche Unterhaltungen versunken, in denen nur manche Dinge angesprochen werden können. Irgendwer sagt etwas, dass du problematisch findest. Vielleicht reagierst du vorsichtig. Vielleicht redest du mit ruhiger Stimme; oder vielleicht bist du ganz "aufgebracht" und nimmst deinen Frust darüber war, dass du ganz aufgebracht wegen einer Person bist, die dich auf die Palme bringt. Die Gewalt dessen, was gesagt wurde, oder die Gewalt der Provokation wird nicht wahrgenommen. Wie auch immer Feminist_innen sprechen, sie werden gewöhnlich als diejenigen angesehen, die eine Szene machen, als diejenigen, die den fragilen Frieden zerstören. (Übersetzung von mir)

Ich erinnere mich an Familienfeste, wo ich die nervöse Anspannung meiner Eltern förmlich spüren konnte, wenn sie sich innigst gewünscht haben, dass meine Verwandten mich bitte nicht fragen sollen, ob ich einen Freund hab, und ich bitte keine allzu ehrlichen Antworten geben soll. Wo ich die einzige Person in meinem Alter war, deren Einladung kein "+1" enthielt – egal welchen Herzensmensch ich dann mitgebracht hätte. Ich brauch andere Tische, an denen ich Platz nehmen kann.

Deswegen verbringe ich einen Sonntag im Monat in der Küche, wälze vorher Kochbücher und hab meine Telleranzahl verdoppelt. Ich lade eine Runde feministischer Spaßverderber_innen ein, um gemeinsam Spaß haben zu können. Wir achten gemeinsam darauf, eine Stimmung zu schaffen, mit der sich alle wohl fühlen, statt von anderen als diejenigen wahrgenommen zu werden, die schlechte Stimmung verbreiten. Wir versuchen füreinander Platz zu schaffen, um miteinander Platz nehmen zu können.

Sonntag, 1. Dezember 2013

Was Selbst_Fürsorge für mich NICHT ist

Eigentlich mag ich es nicht mehr, meine Texte in Abgrenzungen zu schreiben. Ich will mich nicht durchs Netz bewegen und andere Texte kritisieren. Das habe ich jahrelang an der Uni gelernt und von dem Nutzen profitiert, mich besser als andere zu fühlen, ohne selbst Alternativen anbieten zu müssen.
Allerdings begegne ich immer wieder Bildern von Selbst_Fürsorge, in denen ich mich und meine Gedanken nicht wiederfinden kann. Manchmal werden diese Bilder auch herangezogen, um diese dann zu kritisieren. Deswegen schreibe ich heute darüber, was Selbst_Fürsorge für mich NICHT ist.
Ich finde eine kritische Perspektive auf Selbst_Fürsorge wichtig, die den Zugang zu Ressourcen reflektiert, ohne zu behaupten, dass Selbst_Fürsorge nur etwas für privilegierte Menschen ist. Für mich geht es nicht darum, Selbstfürsorge oder gegenseitige Fürsorge zu kritisieren, sondern die Dinge, die diese Fürsorge notwendig machen.


Selbst_Fürsorge ist kein Aspirin Complex

Selbst_Fürsorge ist für mich keine Medizin, zu der ich greife, wenn ich mich erschöpft fühle. Für mich geht es bei Selbst_Fürsorge nicht um eine Liste an Wundermitteln, auf der ich mir je nach Bedarf das passende aussuche. Selbst_Fürsorge ist keine schnelle Lösung. Selbst_Fürsorge bedeutet für mich zu reflektieren, wie ich mein Leben gestalte, nach welchen Werten ich mich ausrichte und wie ich andere darin wahrnehme. Selbst_Fürsorge ist für mich eine Haltung, mit der ich Bedürfnisse, Kapazitäten und Grenzen von anderen und mir selbst wahrnehme und diese in Zusammenhang mit strukturellen Machtverhältnisse setze.
Fürsorge ist andere zu befähigen, sich handelnd und empowert in die Welt zu werfen. Fürsorge ist Selbstverhältnisse kritisch reflektierend zu ermöglichen und Weltverhältnisse in Frage zu stellen.
(Maureen Maisha Eggers in der Diskussion nach ihrem Vortrag "Pippi Langstrumpf – Emanzipation nur für weiße Kinder?", Zitat aus meinem Gedächtnis)


Selbstfürsorge ist keine Selbstpathologisierung

Ich schreibe hier bewusst Selbstfürsorge, weil ich denke, dass Fürsorge für andere auch pathologisierende und/ oder paternalistische Züge annehmen kann. Ich finde es problematisch, wenn Fürsorge nicht andere stärkt, einen selbstbestimmten Umgang zu finden. In der Vergangenheit hab ich die Erfahrung gemacht, dass ich mit meinem Kümmern auch Abhängigkeiten produzieren kann. Ich bin deswegen interessiert, wie gegenseitige Fürsorge empowernd sein kann.

Ein großes Problem ist, dass ich im staatlichen Gesundheitssystem nur dann Unterstützung erhalte, wenn ich mich diagnostizieren lasse. Je nachdem um welche Diagnosen es sich handelt und wie stark diese psychologisch aufgeladen sind, kann es mit Pathologisierungen einhergehen. Unter Pathologisierung verstehe ich, andere Menschen als krank zu erklären – ohne dabei die Selbstdefinition der Person zu berücksichtigen. Trans*sein gilt beispielsweise immer noch als Krankheit. Ein über Krankenkassen finanzierter Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen wird nur dann gewährt, wenn er mit einer Diagnose einhergeht.
Die Frage ist aber auch, wer überhaupt (in welchem Maße) Zugang zum staatlichen Gesundheitssystem. Illegalisierte Menschen können (häufig) keine medizinische Versorgung in Anspruch nehmen. Von Trans* Menschen höre ich immer wieder, dass sie in ihrer Therapie ein möglichst poliertes Bild von sich selbst vermitteln wollen und deswegen dort nicht von den psychischen Folgen von Trans*diskriminierung, die sie erleben, erzählen.
Sich um sich selbst zu kümmern kann auch bedeuteten, alltägliche Bedürfnisse zu erfüllen. Texte zu Ableismus kritisieren, dass Selbstfürsorge häufig als Luxus abgetan wird, obwohl für sie darin eine alltägliche Notwendigkeit besteht (Texte auf englisch: For Badass Disability Justice, Working-Class and Poor-Led Models of Sustainable Hustling for Liberation, An End to Able Bodied Rhetoric, On Gimp-Time: Activism and Commitment). Dabei wird häufig betont: Krankmachende Strukturen, durch die es Menschen schlecht geht und die Menschen als krank erklären, sind das Problem; nicht Selbst_Fürsorge. Selbstfürsorge ist für mich der Versuch, einen Umgang mit diesen Strukturen zu finden und sich selbst und einander gegenseitig darin zu stärken, sich in diesen Strukturen und gegen diese Strukturen zu bewegen.

Audre Lorde: Für mich selbst zu sorgen ist keine Selbsthingabe, sondern Selbsterhaltung und das ist ein politisches Kampfmittel. (Übersetzung von mir)


Selbst_Fürsorge ist kein Rückzug

Es gibt die Momente, wo ich für mich alleine sein will; die Momente, die ich einfach nur für mich, meine Gedanken und Gefühle brauche; die Momente, um bei mir selbst wieder anzukommen und mich selbst zu reflektieren. Das ist auch ein Teil von Selbstfürsorge.
Selbstfürsorge ist aber für mich kein Rückzug auf Dauer. Ich bin eher daran interessiert, wie Schonräume gebildet werden können. Und ich weiß, dass diese Schonräume nur dann entstehen können, wenn ich bereit bin meine Komfortzonen zu verlassen.

Aber ich denke, dass einer der Wege, wie wir Privilegien konfrontieren, ist, unseren emotionalen, spirituellen und körperlichen Komfort in Frage zu stellen.
But I do think one of the ways we confront privilege,  is to question our emotional, spiritual, and physical comfort.
(Caroline Picker: Privilege, reparations, and communities of care, Übersetzung von mir)

Mein Fokus entfernt sich immer weiter von einem engen Verständnis von Selbst_Fürsorge und ich frage mich immer mehr, wie wir caring Communities schaffen können.

Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha schreibt in ihrem Text For Badass Disability Justice, Working-Class and Poor-Led Models of Sustainable Hustling for Liberation, dass Erschöpfung von Aktivist_innen auch daher kommen kann, dass die Bewegungen oder Communities ableistisch und unzugänglich für viele sind.
Wie können wir Raum für unterschiedliche Zugänge und Kapazitäten schaffen? Was ist mein Zugang von feministischem Aktivismus? Welche Zugänge haben andere? Wie ist mein Zugang durch Normen von Produktivität und Effizienz geprägt? Für mich ist es wichtig, über verschiedene Gründe nachzudenken, warum Menschen vermeintlich "weniger" machen. Ich möchte mich selbst über verschiedene Kapazitäten informieren, damit ich andere nicht dazu zwinge, über ihre Erschöpfung, Grenzen und Burnouts zu sprechen, bevor ich von meinen Erwartungen abrücke.

Ich ende mit einem Zitat von Dean Spade (Übersetzung von mir):
Wir müssen behutsam mit uns selbst und miteinander sein und heftig, wenn wir Unterdrückung bekämpfen.
We need to be gentle with ourselves and each other and fierce as we fight oppression.

Samstag, 16. November 2013

Worauf richte ich mich aus? Wie richte ich mich auf?

Ausrichten und aufrichten sind räumliche Handlungen, egal ob ich sie körperlich oder metaphorisch begreife. Durch aufrichtende und ausrichtende Handlungen sorge ich für mich, indem ich mich selbst (kritisch) reflektiere und (bewusst) Orientierungspunkte in meinem Leben setze.
Ich bin noch am Lernen, diese Handlungen auch stärker an meinen Körper gebunden zu begreifen. Gewalt und Diskriminierung werden häufig an Körper geknüpft, über Körper ausgetragen, haben körperliche Auswirkungen. Wie sind aufrichtende und ausrichtende Handlungen durch diese körperlichen Erfahrungen geformt?


Worauf ich mich ausrichten kann, ist eng damit verbunden, in welchen Räumen ich mich aufhalte und durch welche Räume ich mich bewege und wie ich mich in diesen Räumen bewege. Meine Orientierungspunkte sind verknüpft mit dem, was mir vertraut ist oder welche Impulse ich wahrnehme und aufgreife.
Ich richte mich aus durch die Selbstverständnisse und Selbstverständlichkeiten, die ich mir setze. Was bedeutet es konkret, wenn ich beispielsweise Feminismus zu meinem Wegweiser mache? An welchen feministischen Zielen orientiere ich mich? Feministische Orientierungspunkte prägen meinen Alltag: sie beeinflussen, mit welchen Themen ich mich beschäftige und zu welchen Themen ich mich austausche, welche Texte ich lese, welche Veranstaltungen ich besuche und womit ich sonst noch so meine Zeit verbringe. Sie prägen, wo ich meine Bezüge setze und zu wem ich mich in Beziehung setze. Es ist eine Frage, wen ich als mein Gegenüber begreife, mit wem ich mich gegen wen oder was ins Verhältnis setze. Es ist auch eine Frage, wie ich mich auf mein Gegenüber ausrichte: Begreife ich mein Gegenüber als Expert_in, als zu Belehrende_n, als Gesprächspartner_in, als Bündnispartner_in? Und wenn ich mich auf andere ausrichte, sind diese dann auch auf mich ausgerichtet? Und mit welcher Perspektive? Wie kann ich mich so auf andere ausrichten, dass ich mich an ihren Ausrichtungen orientiere? Wenn ich mich beispielsweise als weiße Person (auch) auf Feminist_innen of Color und Schwarze Feminist_innen ausrichte, dann richte ich mich auf auf deren Themen aus: Was sind ihre Orientierungspunkte und (wie) kann ich mich dazu ins Verhältnis setzen? Wie erfahre und entscheide ich, welche Nähe/ Distanz angebracht ist?
Meine Orientierungspunkte geben mir ein Gefühl von Sicherheit. Es ist aber eine riskante Form von Sicherheit. Es wird schwierig, wenn meine Selbstverständlichkeiten sich verselbstständigen. Immer wieder hab ich gemerkt, dass meine Selbstverständnisse sich verschoben haben, nicht ohne dass es mit Verunsicherungen einhergegangen ist. Mittlerweile hab ich etwas besser verstanden, dass es wichtig ist, mich auch immer wieder umorientieren zu können. Und es ist wichtig, mir und anderen gegenüber meine Orientierungspunkte so klar wie möglich zu machen.
Momentan richte ich mich in und auf diskriminierungssensible Räume aus. Mein Bedürfnis ist auch mich in diesen Räumen einzurichten und in ihnen ein Zuhause zu finden. Aber ich hinterfrage dieses Bedürfnis danach, ob mein Einrichten auf Kosten anderer stattfindet. Wenn ich mich ausrichte, dann nehme ich andere wahr. Wenn ich mich einrichte, dann wird mein eigener Komfort zum Maßstab. Einrichten würde heißen, dass mein wichtigstes Ziel ist, mich wohlzufühlen; dass ich mich mit den Menschen und Dingen umgebe, die mir Zuspruch geben und es mir nicht unbequem machen. Ich denke mittlerweile, dass diskriminierungssensible Räume nur außerhalb meiner eigenen privilegierten Komfortzonen geschaffen werden können. Wie können wir uns so aufeinander ausrichten, dass Bewegungsräume geschaffen werden, die möglichst diskriminierungssensibel gestaltet sind?


Aufrichten hat für mich zwei Facetten: Intervention und Empowerment.
In dem Moment, wo ich gegen Gewalt und Diskriminierung interveniere, spüre ich ein innerliches Aufrichten. Ich bin angespannt in Situationen, in denen ich Gewalt und Diskriminierung wahrnehme. Wenn ich mich innerlich aufrichte, komme ich aus der Anspannung heraus in ein Handeln. Welche Interventionshandlungen ich wähle und ich wählen kann, hängt davon ab, welche Ressourcen ich zur Verfügung habe, wovon ich strukturell profitiere, welche Communities ich in meinem Rücken weiß_vermute und wie ich mich körperlich und sprachlich handelnd aufrichten kann. Aufrichten ist riskant. Meistens kann ich mir selbst das Risiko aussuchen, andere seltener. Wie stark bin ich direkt und indirekt mit dem konfrontiert, gegen das ich mich aufrichte? Welche Wahlmöglichkeiten habe ich (vermeintlich)? In meinem Leben habe ich schon unterschiedliche Formen von Sexismus erlebt – abhängig von meiner jeweiligen Genderperformance zu dieser Zeit; abhängig von dem, mit wem ich unterwegs bin; abhängig von den Kontexten, in denen ich mich gerade bewege. Meine Wahrnehmung von Sexismus hat sich erweitert, mein Wahrnehumgsradius dehnt sich auf andere Formen von Gewalt und Diskriminierung aus. Wie kann ich mich kollektiv aufrichten, ohne in Logiken des "Aufstands der Anständigen" zu verfallen? Welche Kollektive wähle ich für mein Aufrichten? Wie kann ich mich kollektiv mit anderen aufrichten, ohne mich für andere aufzurichten? An welchen Stellen ist es wichtig, mich gerade nicht aufzurichten? Wie kann ich eine aufgerichtete Kritikfläche bieten und Kritk an meinem Aufrichten wahrnehmen? Von wem will ich Kritik an meinem Aufrichten annehmen?

Mich aufzurichten bedeutet auch mich selbst zu stärken. Ich hab den Vorteil, dass ich auf den Schultern anderer Feminist_innen und ihrer Kämpfe stehen kann. Ich will mich aber nicht auf den Rücken anderer aufrichten, auch wenn ich mir das nicht immer bewusst aussuchen kann. Inwiefern richte auch ich mich auf den Kosten anderer auf? Wie kann ich ein solches Aufrichten vermeiden?

Samstag, 9. November 2013

Mich aufrichten, mich ausrichten

Ich richte mich auf, immer wieder, immer wieder aufs Neue. Mich aufzurichten bedeutet für mich, in mir Stabilität zu finden, in mir die Kraft zu suchen, um mich in meiner ganzen Dimension zu entfalten. Es bedeutet auch zu überlegen, wie viel Platz ich in welchen Räumen für mich und meine Themen einnehme.
Die Herausforderung ist aufgerichtet zu bleiben, nicht vor Scham- und Schuldgefühlen zu versinken oder zu verschwinden, wenn Kritik an mich herangetragen wird. Aufgerichtet zu bleiben, um eine Fläche zu bieten, an der die Kritik nicht abprallt, sondern möglichst viele Öffnungen zu schaffen, um Kritik aufzunehmen.
Immer wieder aufrichten, weil die Welt mich klein halten möchte. Immer wieder aufrichten aber auch, weil ich mich selbst nicht als Opfer denken will und ich nicht so tun muss, als würden mir nicht auch Räume geboten, wo ich mich auf Kosten anderer ausdehnen kann. Zu verweigern diesen Raum zu nehmen und trotzdem aufgerichtet zu bleiben.

Mich aufrichten und mich ausrichten.

Ich richte mich aus, immer wieder, immer wieder aufs Neue. Mich auszurichten bedeutet für mich, mich zu orientieren, meinem politischen Kompass zu folgen. Es bedeutet auch zu überlegen, auf wen ich mich ausrichten kann, weil sie sich in meiner Nähe befinden und welche Ausrichtungen ein Verlassen meiner Komfortzonen erfordern.
Die Herausforderung ist ausgerichtet zu bleiben, mir Fehler in der Navigation einzugestehen, zu überlegen, an welchen Zielen ich mich orientieren möchte, wie Machtverhältnisse und Privilegien versuchen, immer wieder wie ein störender Magnet Einfluss auf meinen Kompass zu nehmen.
Immer wieder ausrichten, weil ich nur gemeinsam mit anderen Richtungen einschlagen kann, die mir selbst oder uns allen vielleicht erst einmal unvertraut erscheinen. Immer wieder ausrichten, um uns gegenseitig zu bewegen und auszhandeln, was unsere Wegweiser sind. Verantwortungen für meine Richtungsentscheidungen und Richtungswechsel zu übernehmen und trotzdem ausgerichtet zu bleiben.


Ich danke einer Freundin, die mir davon erzählt hat, wie sie sich beim Tangotanzen aufrichtet und welche Bedeutung das für sie hat. Die Inspiration zu Ausrichten habe ich in Sara Ahmeds Buch "Queer Phenomenology" gefunden, wo sie viel über Orientierung schreibt.

Sonntag, 8. September 2013

Schonhaltung und Schonräume

Seit über einer Woche bin ich erkältet und ich stelle fest, wie schwer es mir fällt mich selbst zu schonen. Und nicht nur in konkreten Situationen wie Kranksein fällt mir eine Schonhaltung mir selbst gegenüber schwer, sondern auch im allgemeineren Umgang mit mir selbst.

Gestern hat eine Freundin mich gefragt, wie ich es finden würde, wenn ein_e Kolleg_in von mir tagelang mit Erkältung zur Arbeit käme. Sie hat angedeutet, dass ich wahrscheinlich denken würde, dass die Person gerade nicht so gut für sich sorgt. Für mich war diese Einladung zu einem Perspektivwechsel ein wichtiger Aha-Moment und ich konnte nicht anders als ihr zuzustimmen.

In mir gibt es eine deutliche Stimme, die ich "Toughen up" nennen würde. Die Stimme sagt mir, dass es mit etwas Zähnezusammenbeißen gehen wird. Meine Grenzen sind noch nicht wirklich erreicht, meine Ressourcen noch nicht wirklich aufgebraucht.

Ich merke, dass es bei einer Schonhaltung nicht wirklich um die Frage geht, ob eine Situation noch erträglich ist oder nicht. Bei einer Schonhaltung geht es darum, einen Puffer zwischen dem momentanen Befinden und den eigenen Grenzen einzufügen. Ich muss nicht immer austesten, wie viel noch geht, bevor ich an meine Grenzen stoße, ich kann es mir auch in etwas Entfernung bequem machen. Immer mit dem Wissen, dass ich mir diesen Puffer nicht in jeder Situation aussuchen kann. Es gibt auch Momente, da kann ich nicht selbst darüber entscheiden, ob ich mich schonen möchte oder nicht, weil eine Situation über mich hereinbricht, mit der ich einen Umgang finden muss. Umso wichtiger eigentlich, mir diese Schonmomente in Zeiten zu schaffen, in denen dies möglich ist.

Hier sind einige Fragen, die ich mir auch selbst stellen möchte, um mich einer Schonhaltung anzunähern:
  • Wo liegt die Grenze zwischen "Ich fühl mich wohl." und "Ich fühl mich okay."? Was sind erste Anzeichen, wenn ich von dem einen Zustand in den anderne wechsle?
  • In welchen Situationen und Kontexten könnte ich mir öfters eine Schonhaltung erlauben?
  • In welchen Situationen und Kontexten kann ich mir das nicht aussuchen? Und wie gehe ich damit um?
  • Was bedeutet es für mich konkret, mich zu schonen? Was sind meine Schonpraxen? (Meine ersten Ideen: etwas später kommen, etwas langsamer machen, Auszeiten nehmen, Sachen zurückweisen, die mir nicht gut tun, ...)
Mich zu schonen ist auch viel an bestimmte Räume und Kontexte geknüpft. Ich merke, dass ich Schonräume brauche, in denen ich mich wohler fühlen kann, mich etwas entspannter bewegen kann und nicht immer alles erklären muss. Ich schreib hier bewusst Schonräume und nicht geschützte Räume oder safe spaces, weil ich nicht mehr wirklich an Räume glaube, in denen sich alle (für die, dieser Raum jeweils gedacht ist) sicher fühlen können. Mein Anspruch hat sich deswegen verschoben und ich frage mich, wie Räume gestaltet sein müssen, damit sich dort Menschen schonen können, sich wohler fühlen, auch wenn sie sich vielleicht nicht sicher fühlen können. Damit ist immer auch die Frage verknüpft, wer sich in welchen Räumen wohl fühlt und wer sich dort schonen kann. Viel zu häufig wird leider damit argumentiert, dass sich jetzt irgendwer in einer privilegierten Position nicht mehr wohlfühlt, wenn bestimmte Diskriminierungen und Gewaltformen thematisiert werden.

In Andrea Smiths Text "The Problem with 'Privilege'" zitiert sie Ruth Wilson Gilmore, die sagt
safe space is not an escape from the real, but a place to practice the real we want to bring into being
(ein sicherer Raum bietet keine Zuflucht vor der Wirklichkeit, er ist ein Ort, an dem wir die Wirklichkeit üben können, die wir ins Leben rufen möchten)
Andrea Smith schreibt darüber, dass wir erstmal von keiner Verbundenheit miteinander ausgehen können, nur weil wir gesellschaftlich ähnlich positioniert sind oder uns ähnliche Identitäten zugeschrieben werden. Statt davon auszugehen, dass ihn geschützten Räumen keine Diskriminierung oder Gewalt stattfinden kann, plädiert sie dafür, sich mit der eigenen Kompliz_innenschaft mit Machtverhältnissen auseinanderzusetzen und nach kollektiven Strategien zur politischen Veränderung zu suchen.

  • Wie merkst du, dass es Zeit ist, dich zu schonen?
  • Was tust du, um dich zu schonen?
  • In welche Räume begibst du dich, um dich zu schonen? Welche Räume meidest du?
  • Was zeichnet deine Schonräume aus? Was bräuchtest du von diesen Räumen, um dich noch besser schonen zu können?
  • Gibt es in deinen Schonräumen Menschen, die nicht geschont werden? Ist dies eine bewusste Entscheidung (z.B. kein Schonen von Typen in feministischen Räumen) oder werden hier Machtverhältnisse oder Dominanzstrukturen re_produziert?

Dienstag, 3. September 2013

Neue Mitmach-Reihe "Unverhoffte Momente"

Es hat mir sehr viel Freude bereitet, eure Lieblingsauszeiten zu sammeln und hier auf dem Blog zu veröffentlichen (hier, hier, hier, hier und hier). Ich mag das Gefühl, darüber mehr im Austausch zu stehen und von euren Selbstfürsorgeideen lernen zu können.
Deswegen möchte ich gerne einen neuen Aufruf starten und euch bitten, mir eure "unverhofften Momente" zu schicken.

Immer, wenn ich sehr im Stress bin und mich gerade nicht so gut um mich selbst kümmern kann, merke ich, dass Selbstfürsorge nicht immer etwas ist, was ich planen kann. Manchmal sind es eher die kleinen unverhofften Momente, die mich wieder aus nem Loch herausziehen:
... wenn ich über rassistische Kackscheiße ein Statement schreibe und mal wieder an der Welt verzweifle, und dann das Statement von wem anders aufgegriffen und weiter diskutiert wird
... wenn eine andere Person merkt, dass ich erschöpft bin und mich fragt, ob ich gemeinsam Pause machen möchte
... wenn plötzlich ein Kind am Nebentisch im Restaurant coole gesellschaftskritische Sachen sagt

Unverhoffte Momente können Momente des Empowerments sein. Sie können dir zeigen, dass du nicht alleine bist - mit deinen Gedanken, Interventionen oder Haltungen. Sie können die kleinen Wendungen in Situationen sein, die das Ganze dann doch noch erträglich machen.

Ich fände es sehr toll, von euren unverhofften Momenten zu hören und was sie bewirkt haben.
Schreibt nen Kommentar oder schickt mir euren Text per Mail.