Sonntag, 8. September 2013

Schonhaltung und Schonräume

Seit über einer Woche bin ich erkältet und ich stelle fest, wie schwer es mir fällt mich selbst zu schonen. Und nicht nur in konkreten Situationen wie Kranksein fällt mir eine Schonhaltung mir selbst gegenüber schwer, sondern auch im allgemeineren Umgang mit mir selbst.

Gestern hat eine Freundin mich gefragt, wie ich es finden würde, wenn ein_e Kolleg_in von mir tagelang mit Erkältung zur Arbeit käme. Sie hat angedeutet, dass ich wahrscheinlich denken würde, dass die Person gerade nicht so gut für sich sorgt. Für mich war diese Einladung zu einem Perspektivwechsel ein wichtiger Aha-Moment und ich konnte nicht anders als ihr zuzustimmen.

In mir gibt es eine deutliche Stimme, die ich "Toughen up" nennen würde. Die Stimme sagt mir, dass es mit etwas Zähnezusammenbeißen gehen wird. Meine Grenzen sind noch nicht wirklich erreicht, meine Ressourcen noch nicht wirklich aufgebraucht.

Ich merke, dass es bei einer Schonhaltung nicht wirklich um die Frage geht, ob eine Situation noch erträglich ist oder nicht. Bei einer Schonhaltung geht es darum, einen Puffer zwischen dem momentanen Befinden und den eigenen Grenzen einzufügen. Ich muss nicht immer austesten, wie viel noch geht, bevor ich an meine Grenzen stoße, ich kann es mir auch in etwas Entfernung bequem machen. Immer mit dem Wissen, dass ich mir diesen Puffer nicht in jeder Situation aussuchen kann. Es gibt auch Momente, da kann ich nicht selbst darüber entscheiden, ob ich mich schonen möchte oder nicht, weil eine Situation über mich hereinbricht, mit der ich einen Umgang finden muss. Umso wichtiger eigentlich, mir diese Schonmomente in Zeiten zu schaffen, in denen dies möglich ist.

Hier sind einige Fragen, die ich mir auch selbst stellen möchte, um mich einer Schonhaltung anzunähern:
  • Wo liegt die Grenze zwischen "Ich fühl mich wohl." und "Ich fühl mich okay."? Was sind erste Anzeichen, wenn ich von dem einen Zustand in den anderne wechsle?
  • In welchen Situationen und Kontexten könnte ich mir öfters eine Schonhaltung erlauben?
  • In welchen Situationen und Kontexten kann ich mir das nicht aussuchen? Und wie gehe ich damit um?
  • Was bedeutet es für mich konkret, mich zu schonen? Was sind meine Schonpraxen? (Meine ersten Ideen: etwas später kommen, etwas langsamer machen, Auszeiten nehmen, Sachen zurückweisen, die mir nicht gut tun, ...)
Mich zu schonen ist auch viel an bestimmte Räume und Kontexte geknüpft. Ich merke, dass ich Schonräume brauche, in denen ich mich wohler fühlen kann, mich etwas entspannter bewegen kann und nicht immer alles erklären muss. Ich schreib hier bewusst Schonräume und nicht geschützte Räume oder safe spaces, weil ich nicht mehr wirklich an Räume glaube, in denen sich alle (für die, dieser Raum jeweils gedacht ist) sicher fühlen können. Mein Anspruch hat sich deswegen verschoben und ich frage mich, wie Räume gestaltet sein müssen, damit sich dort Menschen schonen können, sich wohler fühlen, auch wenn sie sich vielleicht nicht sicher fühlen können. Damit ist immer auch die Frage verknüpft, wer sich in welchen Räumen wohl fühlt und wer sich dort schonen kann. Viel zu häufig wird leider damit argumentiert, dass sich jetzt irgendwer in einer privilegierten Position nicht mehr wohlfühlt, wenn bestimmte Diskriminierungen und Gewaltformen thematisiert werden.

In Andrea Smiths Text "The Problem with 'Privilege'" zitiert sie Ruth Wilson Gilmore, die sagt
safe space is not an escape from the real, but a place to practice the real we want to bring into being
(ein sicherer Raum bietet keine Zuflucht vor der Wirklichkeit, er ist ein Ort, an dem wir die Wirklichkeit üben können, die wir ins Leben rufen möchten)
Andrea Smith schreibt darüber, dass wir erstmal von keiner Verbundenheit miteinander ausgehen können, nur weil wir gesellschaftlich ähnlich positioniert sind oder uns ähnliche Identitäten zugeschrieben werden. Statt davon auszugehen, dass ihn geschützten Räumen keine Diskriminierung oder Gewalt stattfinden kann, plädiert sie dafür, sich mit der eigenen Kompliz_innenschaft mit Machtverhältnissen auseinanderzusetzen und nach kollektiven Strategien zur politischen Veränderung zu suchen.

  • Wie merkst du, dass es Zeit ist, dich zu schonen?
  • Was tust du, um dich zu schonen?
  • In welche Räume begibst du dich, um dich zu schonen? Welche Räume meidest du?
  • Was zeichnet deine Schonräume aus? Was bräuchtest du von diesen Räumen, um dich noch besser schonen zu können?
  • Gibt es in deinen Schonräumen Menschen, die nicht geschont werden? Ist dies eine bewusste Entscheidung (z.B. kein Schonen von Typen in feministischen Räumen) oder werden hier Machtverhältnisse oder Dominanzstrukturen re_produziert?

Kommentare:

  1. hallo jay,

    dieser beitrag von dir hat mir wichtige gedankenanstöße gegeben - danke!

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  2. "Die Stimme sagt mir, dass es mit etwas Zähnezusammenbeißen gehen wird."

    Und WARUM muss "es" denn unbedingt gehen? WER ist diese Stimme, die dich bis zur Selbstbeschädigung antreibt?

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  3. "Lustig", ich hatte den Artikel die ganze Zeit als Tab geöffnet und noch nicht gelesen. Und heute passt er richtig gut, grade jetzt wo ich ihn lese!

    ---Das ist vor allem eine Antwort zu Schonpraxen, nicht so sehr zu Schonräumen, da es bei mir im Moment größtenteils in mir stattdindet.----
    Ich kenne das sehr gut. Das Zähnezusammenbeißen (ohne dass ich es (noch) als solches Wahrnehmen würde), das toughen up als Grundhaltung mir selbst gegenüber. Ich habe erst gestern (wieder) aufgedeckt, dass ich durch einen Umbruch in meinem Leben (Studiumsanfang) letzte Woche wieder diese Haltung gegenüber mir selbst angenommen habe: Total hohe Erwartungen, keine Eingewöhnungsphase erlauben, total streng, alles "richtig" machen müssen -sofort. Mein Strategie damit umzugehen ist grade mir diese Erwartungen/Haltung bewusst zu sein, (es auch als Perfektionismus zu lesen, obwohl ich von außen überhaupt nicht so wirke, weil ich z.B. relativ unordentlich bin) und dann mir bewusst zu machen, was ich alles schon geschafft habe. Also die positive Seite zu stärken. Und versuchen die Haltung "das klappt doch schon ganz gut!" einzunehmen. Zudem habe ich mir grade (mit Unterstützung zugegeben) einen Plan gemacht, welche Ansprüche ich vielleicht auf manchen Ebenen habe, und wie ich sie grade übergangsmäßig umsetzen kann ohne gleich in allem die "perfekte Lösung" finden zu wollen. zum Beispiel ist mir Bewegung total wichtig, aber anstatt von mir zu erwarten, dass ich jetzt sofort bei Studienanfang die Sportart finde, die ich schon immer mal machen wollte, hab ich jetzt erst mal beschlossen die ersten paar Wochen ggf. den Radweg vom Bahnhof um ne Runde zu erweitern oder ne Runde Joggen gehen, um mir die Bewegung zu nehmen. Und das mit dem Sportart suchen auf später vertagt.
    Und wenn ich mir dann so einen konkreten Plan gemacht habe, der mir mein Bedürfnis erfüllt, habe ich erfahrungsgemäß auch nicht mehr diese krassen Erwartungen nach "bis an die Grenze gehen müssen" im Kopf.
    Falls dir diese Antwort zu lang/am Thema vorbei ist, bin ich nicht böse, wenn du sie löschst.

    Und generell:
    Danke, dein Blog hilft mir immer wieder. Vor allem auch mit der "du bist nicht allein"-Message im Üben für mich zu sorgen. Das tut gut, Danke!
    Lieben Gruß,
    Renée

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