Sonntag, 1. Dezember 2013

Was Selbst_Fürsorge für mich NICHT ist

Eigentlich mag ich es nicht mehr, meine Texte in Abgrenzungen zu schreiben. Ich will mich nicht durchs Netz bewegen und andere Texte kritisieren. Das habe ich jahrelang an der Uni gelernt und von dem Nutzen profitiert, mich besser als andere zu fühlen, ohne selbst Alternativen anbieten zu müssen.
Allerdings begegne ich immer wieder Bildern von Selbst_Fürsorge, in denen ich mich und meine Gedanken nicht wiederfinden kann. Manchmal werden diese Bilder auch herangezogen, um diese dann zu kritisieren. Deswegen schreibe ich heute darüber, was Selbst_Fürsorge für mich NICHT ist.
Ich finde eine kritische Perspektive auf Selbst_Fürsorge wichtig, die den Zugang zu Ressourcen reflektiert, ohne zu behaupten, dass Selbst_Fürsorge nur etwas für privilegierte Menschen ist. Für mich geht es nicht darum, Selbstfürsorge oder gegenseitige Fürsorge zu kritisieren, sondern die Dinge, die diese Fürsorge notwendig machen.


Selbst_Fürsorge ist kein Aspirin Complex

Selbst_Fürsorge ist für mich keine Medizin, zu der ich greife, wenn ich mich erschöpft fühle. Für mich geht es bei Selbst_Fürsorge nicht um eine Liste an Wundermitteln, auf der ich mir je nach Bedarf das passende aussuche. Selbst_Fürsorge ist keine schnelle Lösung. Selbst_Fürsorge bedeutet für mich zu reflektieren, wie ich mein Leben gestalte, nach welchen Werten ich mich ausrichte und wie ich andere darin wahrnehme. Selbst_Fürsorge ist für mich eine Haltung, mit der ich Bedürfnisse, Kapazitäten und Grenzen von anderen und mir selbst wahrnehme und diese in Zusammenhang mit strukturellen Machtverhältnisse setze.
Fürsorge ist andere zu befähigen, sich handelnd und empowert in die Welt zu werfen. Fürsorge ist Selbstverhältnisse kritisch reflektierend zu ermöglichen und Weltverhältnisse in Frage zu stellen.
(Maureen Maisha Eggers in der Diskussion nach ihrem Vortrag "Pippi Langstrumpf – Emanzipation nur für weiße Kinder?", Zitat aus meinem Gedächtnis)


Selbstfürsorge ist keine Selbstpathologisierung

Ich schreibe hier bewusst Selbstfürsorge, weil ich denke, dass Fürsorge für andere auch pathologisierende und/ oder paternalistische Züge annehmen kann. Ich finde es problematisch, wenn Fürsorge nicht andere stärkt, einen selbstbestimmten Umgang zu finden. In der Vergangenheit hab ich die Erfahrung gemacht, dass ich mit meinem Kümmern auch Abhängigkeiten produzieren kann. Ich bin deswegen interessiert, wie gegenseitige Fürsorge empowernd sein kann.

Ein großes Problem ist, dass ich im staatlichen Gesundheitssystem nur dann Unterstützung erhalte, wenn ich mich diagnostizieren lasse. Je nachdem um welche Diagnosen es sich handelt und wie stark diese psychologisch aufgeladen sind, kann es mit Pathologisierungen einhergehen. Unter Pathologisierung verstehe ich, andere Menschen als krank zu erklären – ohne dabei die Selbstdefinition der Person zu berücksichtigen. Trans*sein gilt beispielsweise immer noch als Krankheit. Ein über Krankenkassen finanzierter Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen wird nur dann gewährt, wenn er mit einer Diagnose einhergeht.
Die Frage ist aber auch, wer überhaupt (in welchem Maße) Zugang zum staatlichen Gesundheitssystem. Illegalisierte Menschen können (häufig) keine medizinische Versorgung in Anspruch nehmen. Von Trans* Menschen höre ich immer wieder, dass sie in ihrer Therapie ein möglichst poliertes Bild von sich selbst vermitteln wollen und deswegen dort nicht von den psychischen Folgen von Trans*diskriminierung, die sie erleben, erzählen.
Sich um sich selbst zu kümmern kann auch bedeuteten, alltägliche Bedürfnisse zu erfüllen. Texte zu Ableismus kritisieren, dass Selbstfürsorge häufig als Luxus abgetan wird, obwohl für sie darin eine alltägliche Notwendigkeit besteht (Texte auf englisch: For Badass Disability Justice, Working-Class and Poor-Led Models of Sustainable Hustling for Liberation, An End to Able Bodied Rhetoric, On Gimp-Time: Activism and Commitment). Dabei wird häufig betont: Krankmachende Strukturen, durch die es Menschen schlecht geht und die Menschen als krank erklären, sind das Problem; nicht Selbst_Fürsorge. Selbstfürsorge ist für mich der Versuch, einen Umgang mit diesen Strukturen zu finden und sich selbst und einander gegenseitig darin zu stärken, sich in diesen Strukturen und gegen diese Strukturen zu bewegen.

Audre Lorde: Für mich selbst zu sorgen ist keine Selbsthingabe, sondern Selbsterhaltung und das ist ein politisches Kampfmittel. (Übersetzung von mir)


Selbst_Fürsorge ist kein Rückzug

Es gibt die Momente, wo ich für mich alleine sein will; die Momente, die ich einfach nur für mich, meine Gedanken und Gefühle brauche; die Momente, um bei mir selbst wieder anzukommen und mich selbst zu reflektieren. Das ist auch ein Teil von Selbstfürsorge.
Selbstfürsorge ist aber für mich kein Rückzug auf Dauer. Ich bin eher daran interessiert, wie Schonräume gebildet werden können. Und ich weiß, dass diese Schonräume nur dann entstehen können, wenn ich bereit bin meine Komfortzonen zu verlassen.

Aber ich denke, dass einer der Wege, wie wir Privilegien konfrontieren, ist, unseren emotionalen, spirituellen und körperlichen Komfort in Frage zu stellen.
But I do think one of the ways we confront privilege,  is to question our emotional, spiritual, and physical comfort.
(Caroline Picker: Privilege, reparations, and communities of care, Übersetzung von mir)

Mein Fokus entfernt sich immer weiter von einem engen Verständnis von Selbst_Fürsorge und ich frage mich immer mehr, wie wir caring Communities schaffen können.

Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha schreibt in ihrem Text For Badass Disability Justice, Working-Class and Poor-Led Models of Sustainable Hustling for Liberation, dass Erschöpfung von Aktivist_innen auch daher kommen kann, dass die Bewegungen oder Communities ableistisch und unzugänglich für viele sind.
Wie können wir Raum für unterschiedliche Zugänge und Kapazitäten schaffen? Was ist mein Zugang von feministischem Aktivismus? Welche Zugänge haben andere? Wie ist mein Zugang durch Normen von Produktivität und Effizienz geprägt? Für mich ist es wichtig, über verschiedene Gründe nachzudenken, warum Menschen vermeintlich "weniger" machen. Ich möchte mich selbst über verschiedene Kapazitäten informieren, damit ich andere nicht dazu zwinge, über ihre Erschöpfung, Grenzen und Burnouts zu sprechen, bevor ich von meinen Erwartungen abrücke.

Ich ende mit einem Zitat von Dean Spade (Übersetzung von mir):
Wir müssen behutsam mit uns selbst und miteinander sein und heftig, wenn wir Unterdrückung bekämpfen.
We need to be gentle with ourselves and each other and fierce as we fight oppression.

Samstag, 16. November 2013

Worauf richte ich mich aus? Wie richte ich mich auf?

Ausrichten und aufrichten sind räumliche Handlungen, egal ob ich sie körperlich oder metaphorisch begreife. Durch aufrichtende und ausrichtende Handlungen sorge ich für mich, indem ich mich selbst (kritisch) reflektiere und (bewusst) Orientierungspunkte in meinem Leben setze.
Ich bin noch am Lernen, diese Handlungen auch stärker an meinen Körper gebunden zu begreifen. Gewalt und Diskriminierung werden häufig an Körper geknüpft, über Körper ausgetragen, haben körperliche Auswirkungen. Wie sind aufrichtende und ausrichtende Handlungen durch diese körperlichen Erfahrungen geformt?


Worauf ich mich ausrichten kann, ist eng damit verbunden, in welchen Räumen ich mich aufhalte und durch welche Räume ich mich bewege und wie ich mich in diesen Räumen bewege. Meine Orientierungspunkte sind verknüpft mit dem, was mir vertraut ist oder welche Impulse ich wahrnehme und aufgreife.
Ich richte mich aus durch die Selbstverständnisse und Selbstverständlichkeiten, die ich mir setze. Was bedeutet es konkret, wenn ich beispielsweise Feminismus zu meinem Wegweiser mache? An welchen feministischen Zielen orientiere ich mich? Feministische Orientierungspunkte prägen meinen Alltag: sie beeinflussen, mit welchen Themen ich mich beschäftige und zu welchen Themen ich mich austausche, welche Texte ich lese, welche Veranstaltungen ich besuche und womit ich sonst noch so meine Zeit verbringe. Sie prägen, wo ich meine Bezüge setze und zu wem ich mich in Beziehung setze. Es ist eine Frage, wen ich als mein Gegenüber begreife, mit wem ich mich gegen wen oder was ins Verhältnis setze. Es ist auch eine Frage, wie ich mich auf mein Gegenüber ausrichte: Begreife ich mein Gegenüber als Expert_in, als zu Belehrende_n, als Gesprächspartner_in, als Bündnispartner_in? Und wenn ich mich auf andere ausrichte, sind diese dann auch auf mich ausgerichtet? Und mit welcher Perspektive? Wie kann ich mich so auf andere ausrichten, dass ich mich an ihren Ausrichtungen orientiere? Wenn ich mich beispielsweise als weiße Person (auch) auf Feminist_innen of Color und Schwarze Feminist_innen ausrichte, dann richte ich mich auf auf deren Themen aus: Was sind ihre Orientierungspunkte und (wie) kann ich mich dazu ins Verhältnis setzen? Wie erfahre und entscheide ich, welche Nähe/ Distanz angebracht ist?
Meine Orientierungspunkte geben mir ein Gefühl von Sicherheit. Es ist aber eine riskante Form von Sicherheit. Es wird schwierig, wenn meine Selbstverständlichkeiten sich verselbstständigen. Immer wieder hab ich gemerkt, dass meine Selbstverständnisse sich verschoben haben, nicht ohne dass es mit Verunsicherungen einhergegangen ist. Mittlerweile hab ich etwas besser verstanden, dass es wichtig ist, mich auch immer wieder umorientieren zu können. Und es ist wichtig, mir und anderen gegenüber meine Orientierungspunkte so klar wie möglich zu machen.
Momentan richte ich mich in und auf diskriminierungssensible Räume aus. Mein Bedürfnis ist auch mich in diesen Räumen einzurichten und in ihnen ein Zuhause zu finden. Aber ich hinterfrage dieses Bedürfnis danach, ob mein Einrichten auf Kosten anderer stattfindet. Wenn ich mich ausrichte, dann nehme ich andere wahr. Wenn ich mich einrichte, dann wird mein eigener Komfort zum Maßstab. Einrichten würde heißen, dass mein wichtigstes Ziel ist, mich wohlzufühlen; dass ich mich mit den Menschen und Dingen umgebe, die mir Zuspruch geben und es mir nicht unbequem machen. Ich denke mittlerweile, dass diskriminierungssensible Räume nur außerhalb meiner eigenen privilegierten Komfortzonen geschaffen werden können. Wie können wir uns so aufeinander ausrichten, dass Bewegungsräume geschaffen werden, die möglichst diskriminierungssensibel gestaltet sind?


Aufrichten hat für mich zwei Facetten: Intervention und Empowerment.
In dem Moment, wo ich gegen Gewalt und Diskriminierung interveniere, spüre ich ein innerliches Aufrichten. Ich bin angespannt in Situationen, in denen ich Gewalt und Diskriminierung wahrnehme. Wenn ich mich innerlich aufrichte, komme ich aus der Anspannung heraus in ein Handeln. Welche Interventionshandlungen ich wähle und ich wählen kann, hängt davon ab, welche Ressourcen ich zur Verfügung habe, wovon ich strukturell profitiere, welche Communities ich in meinem Rücken weiß_vermute und wie ich mich körperlich und sprachlich handelnd aufrichten kann. Aufrichten ist riskant. Meistens kann ich mir selbst das Risiko aussuchen, andere seltener. Wie stark bin ich direkt und indirekt mit dem konfrontiert, gegen das ich mich aufrichte? Welche Wahlmöglichkeiten habe ich (vermeintlich)? In meinem Leben habe ich schon unterschiedliche Formen von Sexismus erlebt – abhängig von meiner jeweiligen Genderperformance zu dieser Zeit; abhängig von dem, mit wem ich unterwegs bin; abhängig von den Kontexten, in denen ich mich gerade bewege. Meine Wahrnehmung von Sexismus hat sich erweitert, mein Wahrnehumgsradius dehnt sich auf andere Formen von Gewalt und Diskriminierung aus. Wie kann ich mich kollektiv aufrichten, ohne in Logiken des "Aufstands der Anständigen" zu verfallen? Welche Kollektive wähle ich für mein Aufrichten? Wie kann ich mich kollektiv mit anderen aufrichten, ohne mich für andere aufzurichten? An welchen Stellen ist es wichtig, mich gerade nicht aufzurichten? Wie kann ich eine aufgerichtete Kritikfläche bieten und Kritk an meinem Aufrichten wahrnehmen? Von wem will ich Kritik an meinem Aufrichten annehmen?

Mich aufzurichten bedeutet auch mich selbst zu stärken. Ich hab den Vorteil, dass ich auf den Schultern anderer Feminist_innen und ihrer Kämpfe stehen kann. Ich will mich aber nicht auf den Rücken anderer aufrichten, auch wenn ich mir das nicht immer bewusst aussuchen kann. Inwiefern richte auch ich mich auf den Kosten anderer auf? Wie kann ich ein solches Aufrichten vermeiden?

Samstag, 9. November 2013

Mich aufrichten, mich ausrichten

Ich richte mich auf, immer wieder, immer wieder aufs Neue. Mich aufzurichten bedeutet für mich, in mir Stabilität zu finden, in mir die Kraft zu suchen, um mich in meiner ganzen Dimension zu entfalten. Es bedeutet auch zu überlegen, wie viel Platz ich in welchen Räumen für mich und meine Themen einnehme.
Die Herausforderung ist aufgerichtet zu bleiben, nicht vor Scham- und Schuldgefühlen zu versinken oder zu verschwinden, wenn Kritik an mich herangetragen wird. Aufgerichtet zu bleiben, um eine Fläche zu bieten, an der die Kritik nicht abprallt, sondern möglichst viele Öffnungen zu schaffen, um Kritik aufzunehmen.
Immer wieder aufrichten, weil die Welt mich klein halten möchte. Immer wieder aufrichten aber auch, weil ich mich selbst nicht als Opfer denken will und ich nicht so tun muss, als würden mir nicht auch Räume geboten, wo ich mich auf Kosten anderer ausdehnen kann. Zu verweigern diesen Raum zu nehmen und trotzdem aufgerichtet zu bleiben.

Mich aufrichten und mich ausrichten.

Ich richte mich aus, immer wieder, immer wieder aufs Neue. Mich auszurichten bedeutet für mich, mich zu orientieren, meinem politischen Kompass zu folgen. Es bedeutet auch zu überlegen, auf wen ich mich ausrichten kann, weil sie sich in meiner Nähe befinden und welche Ausrichtungen ein Verlassen meiner Komfortzonen erfordern.
Die Herausforderung ist ausgerichtet zu bleiben, mir Fehler in der Navigation einzugestehen, zu überlegen, an welchen Zielen ich mich orientieren möchte, wie Machtverhältnisse und Privilegien versuchen, immer wieder wie ein störender Magnet Einfluss auf meinen Kompass zu nehmen.
Immer wieder ausrichten, weil ich nur gemeinsam mit anderen Richtungen einschlagen kann, die mir selbst oder uns allen vielleicht erst einmal unvertraut erscheinen. Immer wieder ausrichten, um uns gegenseitig zu bewegen und auszhandeln, was unsere Wegweiser sind. Verantwortungen für meine Richtungsentscheidungen und Richtungswechsel zu übernehmen und trotzdem ausgerichtet zu bleiben.


Ich danke einer Freundin, die mir davon erzählt hat, wie sie sich beim Tangotanzen aufrichtet und welche Bedeutung das für sie hat. Die Inspiration zu Ausrichten habe ich in Sara Ahmeds Buch "Queer Phenomenology" gefunden, wo sie viel über Orientierung schreibt.

Sonntag, 8. September 2013

Schonhaltung und Schonräume

Seit über einer Woche bin ich erkältet und ich stelle fest, wie schwer es mir fällt mich selbst zu schonen. Und nicht nur in konkreten Situationen wie Kranksein fällt mir eine Schonhaltung mir selbst gegenüber schwer, sondern auch im allgemeineren Umgang mit mir selbst.

Gestern hat eine Freundin mich gefragt, wie ich es finden würde, wenn ein_e Kolleg_in von mir tagelang mit Erkältung zur Arbeit käme. Sie hat angedeutet, dass ich wahrscheinlich denken würde, dass die Person gerade nicht so gut für sich sorgt. Für mich war diese Einladung zu einem Perspektivwechsel ein wichtiger Aha-Moment und ich konnte nicht anders als ihr zuzustimmen.

In mir gibt es eine deutliche Stimme, die ich "Toughen up" nennen würde. Die Stimme sagt mir, dass es mit etwas Zähnezusammenbeißen gehen wird. Meine Grenzen sind noch nicht wirklich erreicht, meine Ressourcen noch nicht wirklich aufgebraucht.

Ich merke, dass es bei einer Schonhaltung nicht wirklich um die Frage geht, ob eine Situation noch erträglich ist oder nicht. Bei einer Schonhaltung geht es darum, einen Puffer zwischen dem momentanen Befinden und den eigenen Grenzen einzufügen. Ich muss nicht immer austesten, wie viel noch geht, bevor ich an meine Grenzen stoße, ich kann es mir auch in etwas Entfernung bequem machen. Immer mit dem Wissen, dass ich mir diesen Puffer nicht in jeder Situation aussuchen kann. Es gibt auch Momente, da kann ich nicht selbst darüber entscheiden, ob ich mich schonen möchte oder nicht, weil eine Situation über mich hereinbricht, mit der ich einen Umgang finden muss. Umso wichtiger eigentlich, mir diese Schonmomente in Zeiten zu schaffen, in denen dies möglich ist.

Hier sind einige Fragen, die ich mir auch selbst stellen möchte, um mich einer Schonhaltung anzunähern:
  • Wo liegt die Grenze zwischen "Ich fühl mich wohl." und "Ich fühl mich okay."? Was sind erste Anzeichen, wenn ich von dem einen Zustand in den anderne wechsle?
  • In welchen Situationen und Kontexten könnte ich mir öfters eine Schonhaltung erlauben?
  • In welchen Situationen und Kontexten kann ich mir das nicht aussuchen? Und wie gehe ich damit um?
  • Was bedeutet es für mich konkret, mich zu schonen? Was sind meine Schonpraxen? (Meine ersten Ideen: etwas später kommen, etwas langsamer machen, Auszeiten nehmen, Sachen zurückweisen, die mir nicht gut tun, ...)
Mich zu schonen ist auch viel an bestimmte Räume und Kontexte geknüpft. Ich merke, dass ich Schonräume brauche, in denen ich mich wohler fühlen kann, mich etwas entspannter bewegen kann und nicht immer alles erklären muss. Ich schreib hier bewusst Schonräume und nicht geschützte Räume oder safe spaces, weil ich nicht mehr wirklich an Räume glaube, in denen sich alle (für die, dieser Raum jeweils gedacht ist) sicher fühlen können. Mein Anspruch hat sich deswegen verschoben und ich frage mich, wie Räume gestaltet sein müssen, damit sich dort Menschen schonen können, sich wohler fühlen, auch wenn sie sich vielleicht nicht sicher fühlen können. Damit ist immer auch die Frage verknüpft, wer sich in welchen Räumen wohl fühlt und wer sich dort schonen kann. Viel zu häufig wird leider damit argumentiert, dass sich jetzt irgendwer in einer privilegierten Position nicht mehr wohlfühlt, wenn bestimmte Diskriminierungen und Gewaltformen thematisiert werden.

In Andrea Smiths Text "The Problem with 'Privilege'" zitiert sie Ruth Wilson Gilmore, die sagt
safe space is not an escape from the real, but a place to practice the real we want to bring into being
(ein sicherer Raum bietet keine Zuflucht vor der Wirklichkeit, er ist ein Ort, an dem wir die Wirklichkeit üben können, die wir ins Leben rufen möchten)
Andrea Smith schreibt darüber, dass wir erstmal von keiner Verbundenheit miteinander ausgehen können, nur weil wir gesellschaftlich ähnlich positioniert sind oder uns ähnliche Identitäten zugeschrieben werden. Statt davon auszugehen, dass ihn geschützten Räumen keine Diskriminierung oder Gewalt stattfinden kann, plädiert sie dafür, sich mit der eigenen Kompliz_innenschaft mit Machtverhältnissen auseinanderzusetzen und nach kollektiven Strategien zur politischen Veränderung zu suchen.

  • Wie merkst du, dass es Zeit ist, dich zu schonen?
  • Was tust du, um dich zu schonen?
  • In welche Räume begibst du dich, um dich zu schonen? Welche Räume meidest du?
  • Was zeichnet deine Schonräume aus? Was bräuchtest du von diesen Räumen, um dich noch besser schonen zu können?
  • Gibt es in deinen Schonräumen Menschen, die nicht geschont werden? Ist dies eine bewusste Entscheidung (z.B. kein Schonen von Typen in feministischen Räumen) oder werden hier Machtverhältnisse oder Dominanzstrukturen re_produziert?

Dienstag, 3. September 2013

Neue Mitmach-Reihe "Unverhoffte Momente"

Es hat mir sehr viel Freude bereitet, eure Lieblingsauszeiten zu sammeln und hier auf dem Blog zu veröffentlichen (hier, hier, hier, hier und hier). Ich mag das Gefühl, darüber mehr im Austausch zu stehen und von euren Selbstfürsorgeideen lernen zu können.
Deswegen möchte ich gerne einen neuen Aufruf starten und euch bitten, mir eure "unverhofften Momente" zu schicken.

Immer, wenn ich sehr im Stress bin und mich gerade nicht so gut um mich selbst kümmern kann, merke ich, dass Selbstfürsorge nicht immer etwas ist, was ich planen kann. Manchmal sind es eher die kleinen unverhofften Momente, die mich wieder aus nem Loch herausziehen:
... wenn ich über rassistische Kackscheiße ein Statement schreibe und mal wieder an der Welt verzweifle, und dann das Statement von wem anders aufgegriffen und weiter diskutiert wird
... wenn eine andere Person merkt, dass ich erschöpft bin und mich fragt, ob ich gemeinsam Pause machen möchte
... wenn plötzlich ein Kind am Nebentisch im Restaurant coole gesellschaftskritische Sachen sagt

Unverhoffte Momente können Momente des Empowerments sein. Sie können dir zeigen, dass du nicht alleine bist - mit deinen Gedanken, Interventionen oder Haltungen. Sie können die kleinen Wendungen in Situationen sein, die das Ganze dann doch noch erträglich machen.

Ich fände es sehr toll, von euren unverhofften Momenten zu hören und was sie bewirkt haben.
Schreibt nen Kommentar oder schickt mir euren Text per Mail.

Dienstag, 20. August 2013

Wertschätzung geben

Es gibt eine Redewendung, die heißt: Hast du nichts Gutes zu sagen, dann sag lieber gar nichts.
Ich bin wohl eher mit der umgekehrten Redewendung groß geworden: Sag nichts, wenn du nichts Schlechtes zu sagen hast. Und es gab verschiedene Varianten, etwas Schlechts zu sagen: mein Gegenüber (auf nicht sehr freundliche Art) kritisieren, sich über Dritte aufregen, sich selbst schlecht machen, jammern, die Welt und das Leben an sich furchtbar finden, ...

Ich bin immer noch voller Bewunderung, wenn ich Menschen treffe, die scheinbar ohne Limit ihre Wertschätzung und Anerkennung aussprechen. In vielen Situationen bin ich gleichzeitig irritiert und manchmal auch unangenehm berührt davon.
Mir selbst fällt es häufig schwer, meine Wertschätzung für andere auszudrücken. Irgendwie denke ich, dass ich mich dadurch verletzlich machen würde. Vielleicht liegt es daran, dass Wertschätzung ja auch eine Form ist, Zuneigung mitzuteilen und ich dann Angst habe, dass diese Zuneigung zurückgewiesen werden könnte. Ich spüre meine Vorsicht, mit offenem Herzen in Kontakte zu gehen.

Umgekehrt fällt es mir auch schwer, Wertschätzung anzunehmen. Manchmal habe ich regelrecht den Eindruck, dass sich meine Wahrnehmungsfähigkeit ausschaltet, sobald eine Person damit beginnt, ihre Wertschätzung auszudrücken. Irgendwie kann ich dann nicht richtig aufnehmen, was die andere Person gerade kommuniziert hat. Und selbst wenn ich es irgendwie aufnehme, dann denke ich häufig, dass ein Danke nicht ausreicht. Ich hab das Gefühl, die Wertschätzung zurückgeben zu müssen, indem ich die Wertschätzung wertschätze. Wie oft hatte ich schon das Bedürfnis, ein Like auf Facebook liken zu können.

In der letzten Zeit ist mir etwas Interessantes aufgefallen: Je mehr ich Wertschätzung gebe (auch wenn es mich anfangs vielleicht Überwindung kostet), desto mehr nehme ich Dinge wahr, die ich wertschätzen möchte. Ich hab das Gefühl, dass Wertschätzung - wie so viele Sachen - eine Frage der Übung ist. Mit welchen Worten möchte ich Wertschätzung aussprechen? Welche Worte fühlen sich für mich gut an, welche zu pathetisch und welche zu banal? In welchen Situationen und über welche Kommunikationswege teile ich gerne Wertschätzung mit? Welche Gefühle und Formen der Zuneigung empfinde ich in dem Moment für die andere Person? Und möchte ich diese mitteilen?
Je mehr ich mich in Wertschätzen übe, desto mehr kann ich in mir eine Fülle an Wertschätzung und Zuneigung finden, die ich zum Ausdruck bringen möchte. Je mehr ich sie ausdrücke, desto mehr verliere ich meine Scheu und meine Angst, dass irgendwas Schlimmes passieren könnte.
Ich wehre mich gegen den Glaubenssatz, den ich jahrzehntelang verinnerlicht habe. Und es fühlt sich gut an.

Lange habe ich Wertschätzung mit Lob verwechselt. In der Schule bin ich viel für meine Leistungen gelobt worden und ich dachte, dass das Wertschätzung wäre. Immer noch kann ich mir häufig nur dann selbst Anerkennung geben, wenn ich etwas geleistet habe. Damit knüpfe ich Wertschätzung daran, was ich mache. Bei anderen fällt mir auf, dass ich Wertschätzung dafür ausspreche, wie sie (in der Welt) sind. Ich nehme an anderen stärker ihre Kämpfe wahr und ich bewundere ihr Durchhalten, Weitermachen, ihren Mut und die kleinen Veränderungen. Dafür möchte ich meine Bewunderung und meine Wertschätzung stärker zum Ausdruck bringen. Ich möchte andere in dem, wie sie sich durch die Welt bewegen, an_erkennen.

Irgendwie möchte ich mit diesem Text ein Plädoyer für mehr Mut zu mehr Wertschätzung aussprechen. Wertschätzung ist für mich auch eine Form des kollektiven Empowerments - eine gegenseitige Ermutigung, sich zu zeigen und sich in der Welt zu bewegen. Eine Form des Protests gegen all die Auswirkungen von Machtverhältnissen, gegen die es manchmal schwer sein kann Selbstvertrauen und Selbstliebe aufrecht zu erhalten.

Wem möchtest du deine Wertschätzung mitteilen?
Wofür möchtest du dir selbst Wertschätzung geben?
Wie sollte dir Wertschätzung gegeben werden, damit du sie leicht(er) annehmen kannst?
Was hält dich davon ab, Wertschätzung mitzuteilen?
Was hält dich davon ab, Wertschätzung anzunehmen?
Was ist dir an Wertschätzung wichtig und könnte dir dabei helfen, es mehr zu tun?

Freitag, 2. August 2013

Gleichzeitigkeiten leben

Ich will mich der Herausforderung stellen, Gefühle in ihren Komplexitäten, Widersprüchlichkeiten und Verquickungen zuzulassen.
Wenn ich erlebe, wie unterschiedliche Emotionen gleichzeitig präsent sind, finde ich es häufig schwierig, nicht ein Gefühl mich komplett ausfüllen zu lassen; nicht ein Gefühl auf alle erlebten Situationen zu übertragen. Ich merke, wie schlechte Gefühle schnell mehr Dominanz in mir gewinnen. Ich verweigere mir manchmal, mich in manchen Momenten gut zu fühlen, wenn ich auch noch Sorgen, Krisen oder Zweifel in mir trage. Doch ich lerne auch, dass ich mich trotz allem gut fühlen darf. Ich lerne, mir auch die Erlaubnis zu geben, Gefühle in ihren Gleichzeitigkeiten zu leben.

In den letzten Wochen haben mich verschiedenste Gefühle ausgefüllt:
mir Sorgen machen um Menschen in emotionalen_körperlichen Krisen
Zuversicht leben
Konflikte wahrnehmen, erleben und durchleben
Freude mit_teilen
Zweifel aussprechen und anhören
Ängste und Unsicherheiten in die Zeiten und Orte einsortieren, wo sie hingehören
Sehnsüchte spüren
Verbundenheiten und Verbindungen ausdrücken

Die Gleichzeitigkeiten von Gefühlen zu leben bedeutet für mich auch, ein Stück weit die Kontrolle über meine Emotionen aufzugeben - die Kontrolle darüber, welche Gefühle ich in mir groß werden lasse. Schlechte Gefühle sind mir vertraut. Ich hab mich in ihnen eingerichtet. Sie sind das, was mir bekannt ist und wofür ich meine Bewältigungsstrategien gefunden habe. Ihnen gebe ich deshalb Vorrang, manchmal nehmen sie sich aber auch einfach den Platz. Dann ist das auch okay, weil ich weiß, dass ich wohlwollend mit mir selbst umgehen muss, wenn mich Traurigkeit oder Verzweiflung überwältigt. Ich weiß, dass sich Krisen und Konflikte ihre Räume schaffen und dass es mich meist mehr Kraft kostet, wenn ich sie nicht annehme und (dadurch meist auch als irgendwie bewältigbar) erlebe. Mir macht es aber auch Angst, meine Schutzmechanismen aufzugeben, meine Wände runterzufahren, um präsenter zu sein für die Bandbreite meiner Gefühle. Es braucht ein Zulassen, ein Einlassen. Nicht immer gelingt mir das. An welchen Orten und mit welchen Menschen fühl ich mich sicher genug für dieses Zulassen und Einlassen?

Kontrolle und Entscheidungsfähigkeiten waren lange Zeit zwei Dinge, die für mich eng miteinander verknüpft erschienen. Ich dachte, wenn ich mich nicht stark kontrolliere, dann kann ich auch nicht entscheiden. Mit Gefühlen erlebe ich aber, dass, auch wenn ich Gefühle zulasse, ohne sie gleich zu kontrollieren, ich mich trotzdem manchmal entscheiden kann, worauf ich meinen Fokus lenke. Suche ich bewusst nach den noch so kleinen Glücksmomenten in meinem Tag? Freue ich mich über die Dinge, die mir Freude bereiten? Für mich sind das zum Beispiel Eichhörnchen im Park, blauer Himmel, ein Lächeln auf der Straße, meine Herzensmenschen. Manchmal helfen mir diese kleinen Momente, mich wieder ein bisschen für die Komplexitäten von Gefühls- und Erlebenswelten zu öffnen. Manchmal ist das Einzige, was ich tun kann, es irgendwie zu registrieren, auch wenn es in dem Moment nicht emotional zu mir durchdringt. Ich versuche, diese Momente dann irgendwo in mir abzuspeichern, um sie wieder herauszuholen, wenn meine Rüstung wieder ein bisschen löchriger geworden ist.

Und dann gibt es aber auch die Momente, in denen mich Lebensfreude komplett ausfüllt. Nicht immer ist es mir leicht gefallen, diese zuzulassen. Ich konnte sie mir nicht erlauben, weil ich wusste, dass Krisen (meine und die anderer) um die Ecke auf mich warten. Mittlerweile sind diese Lebensfreude-Momente für mich zu einem wichtigen Trotzdem geworden. Eben weil die Krisen (gleichzeitig) da sind, will ich mich meiner Lebensfreude komplett hingeben, wenn sie da ist. Ich will in diesen Momenten durch die Straßen schweben können, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Und wenn ich andere in ihrer Lebensfreude erlebe, versuche ich, die Gleichzeitigkeiten und das Trotzdem dieser Momente wahrzunehmen - und mich nach Möglichkeit gleichzeitig und trotzdem mitzufreuen.

Wie erlebst du Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten, Vereinbarkeiten und Unvereinbarkeiten von Gefühlen?
Was machst du mit diesen?
An welchen Orten und mit welchen Menschen fühlst du dich sicher und wohl, um Gleichzeitigkeiten von Gefühlen zulassen zu können?
Welche Gefühle sind (meistens) dominant?