Eine Aufzählung von Projekten und Baustellen - darum drehen sich häufig die ersten Unterhaltungen mit anderen Feminist_innen oder auch die Updates mit Menschen, die ich länger nicht gesehen habe. Eine bittersüße Vorstellungsrunde.
Ich genieße es, mich mit anderen Feminist_innen über Projekte auszutauschen. Bezugnahmen aufeinander finde ich total wichtig und ich möchte die konstruktive Kritik, die ich von anderen Feminist_innen erhalte, auf keinen Fall missen. Ich fühl mich als Teil des feministischen Beats in der Stadt oder auch überregional, wenn ich höre, was andere gerade so machen und welche Projekte so am Laufen sind. Ich erzähle gerne von meinen eigenen Plänen - nicht zuletzt auch, weil ich an den Plänen eher dran bleibe, wenn ich weiß, dass andere auch davon wissen.
Doch gleichzeitig besteht immer auch die Gefahr, dass ich mich ausschließlich über meine Projekte definiere. Und beim Schreiben spüre ich schon meine Ambivalenz: Meine Projekte sind mir aber wichtig und ich will mich nicht dafür verteidigen müssen, dass sie mir wichtig sind - widerspricht laut eine Stimme in mir. Stimmt ja auch, aber nur auch eben.
Häufig kann ich nicht klar zwischen Busy-sein und Erschöpft-sein unterscheiden. Und ich frage mich, ob es zunehmend zum guten feministischen Ton gehört voll ausgelastet zu sein. Warum verweigern wir nicht mehr, immer unter Zeitdruck zu stehen und unsere Terminkalender zwei Wochen im Voraus vollzupacken? Wie könnte eine alternative Zeitplanung gestaltet sein?
Inwiefern erheben wir Funktionieren auch in feministischen Kreisen zur Norm? Was muss ich leisten können, um dazu gehören zu können? Welche Fähigkeiten und Zugangsmöglichkeiten setzen welche Aktionen und Projekte voraus? Wie kommt die Demo zu Feminist_innen, wenn Feminist_innen nicht zur Demo kommen können?
Immer wieder nehme ich wahr, wie FrauenLesbenTrans* als Folge einer rassistisch-homophob-transphob-ableistisch-klassistisch-...-sexistischen Gesellschaft an der Welt verzweifeln. Häufig resultiert diese Verzweiflung in Rückzug oder selbstschädigenden Umgangsstrategien. Ich frage mich immer wieder, wie ich Menschen in ihren Verzweiflungsphasen in meinen feministischen Communities halten kann. Ich kann zwar keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen, aber ich kann ihnen Formen von Unterstützung anbieten. Dafür muss ich meinen Projektestress erstmal abschütteln, um mich gut auf Begegnungen einlassen zu können.
Das ist ein Puzzlestück meiner Vision für ein feminstisches Retreat-Center. Ich möchte einen Rückzugsraum schaffen, der eine Auszeit anbietet und sich jenseits von Funktionier-Normen bewegt. Wo Verzweiflung Platz haben kann und Verzweifelte von Menschen umgeben sind, die gerade emotional Platz dafür haben.
Welche Dynamiken hat dein_e busy bee?
Wie gehst du mit deiner Verzweiflung um? Und wo wendest du dich mit ihr hin?
Wie lassen sich feministische Vernetzungen und Communities jenseits von Funktionier-Normen gestalten? Was kann dein Beitrag dazu sein?
Samstag, 18. Mai 2013
Samstag, 11. Mai 2013
Krisen-Gegenmittel
Das wohl beste Gegenmittel zu fast jeder Krise: Verbundenheit.
Als mich als junge Erwachsene das Wahrnehmen einer sexistischen und kapitalistischen Gesellschaft in die Depression stürzte, war es wichtig, damit nicht allein zu sein. Um mich herum waren andere, die Ähnliches durchmachten, und wir teilten unsere Tiefpunkte, unsere Strategien, unsere Analysen und unsere Fehltritte. Daraus sind innige Kontakte entstanden, die mich heute noch tragen.
Gewalt und Diskriminierung isolieren. Kapitalismus lehrt Konkurrenzverhalten. Krisen lassen Rückzug attraktiv erscheinen.
In solchen Situationen fällt es mir nicht immer leicht, zum Hörer zu greifen und andere um Unterstützung zu fragen. Verletzlichkeit ist für mich immer noch etwas, das mir manchmal peinlich ist. Ich will keinen weiblichen Stereotypen entsprechen und mime deswegen lieber die Starke.
Doch was mir wirklich in Krisensituationen hilft, ist die Verbundenheit mit anderen: Mich von der Zuversicht anderer anstecken zu lassen, Lebensfreude zu tanken, mich an der Schulter einer Freundin ausheulen zu können, mich in mein soziales Netz fallen zu lassen und darauf vertrauen zu können, dass ich gehalten werde.
Verbundenheit mit anderen lässt mich lebendig fühlen. Ich versuche täglich mein Herz so weit zu öffnen, dass ich mich mit anderen verbinden kann. Jeden Tag in der Begegnung mit den tollen Feminist_innen, die mich umgeben, meine Rüstung abzulegen, die ich mir vor Jahrzehnten als Schutz zugelegt habe. Mit_fühlen und das Verweigern von Abstumpfen.
Ich bin dankbar für die Verbundenheit mit meinen Mitstreiter_innen und Kolleg_innen, für die Herzenswärme meiner Freund_innen und jedes Lächeln im Großstadtgrau.
Wer gehört in meinen Inneren Kreis?
Eine kleine Übung (inspiriert von Julia Cameron):
Als mich als junge Erwachsene das Wahrnehmen einer sexistischen und kapitalistischen Gesellschaft in die Depression stürzte, war es wichtig, damit nicht allein zu sein. Um mich herum waren andere, die Ähnliches durchmachten, und wir teilten unsere Tiefpunkte, unsere Strategien, unsere Analysen und unsere Fehltritte. Daraus sind innige Kontakte entstanden, die mich heute noch tragen.
Gewalt und Diskriminierung isolieren. Kapitalismus lehrt Konkurrenzverhalten. Krisen lassen Rückzug attraktiv erscheinen.
In solchen Situationen fällt es mir nicht immer leicht, zum Hörer zu greifen und andere um Unterstützung zu fragen. Verletzlichkeit ist für mich immer noch etwas, das mir manchmal peinlich ist. Ich will keinen weiblichen Stereotypen entsprechen und mime deswegen lieber die Starke.
Doch was mir wirklich in Krisensituationen hilft, ist die Verbundenheit mit anderen: Mich von der Zuversicht anderer anstecken zu lassen, Lebensfreude zu tanken, mich an der Schulter einer Freundin ausheulen zu können, mich in mein soziales Netz fallen zu lassen und darauf vertrauen zu können, dass ich gehalten werde.
Verbundenheit mit anderen lässt mich lebendig fühlen. Ich versuche täglich mein Herz so weit zu öffnen, dass ich mich mit anderen verbinden kann. Jeden Tag in der Begegnung mit den tollen Feminist_innen, die mich umgeben, meine Rüstung abzulegen, die ich mir vor Jahrzehnten als Schutz zugelegt habe. Mit_fühlen und das Verweigern von Abstumpfen.
Ich bin dankbar für die Verbundenheit mit meinen Mitstreiter_innen und Kolleg_innen, für die Herzenswärme meiner Freund_innen und jedes Lächeln im Großstadtgrau.
Wer gehört in meinen Inneren Kreis?
Eine kleine Übung (inspiriert von Julia Cameron):
- Zeichne einen Kreis.
- Schreibe in das Innere des Kreises die Menschen, die dir gut tun und an die du dich wenden möchtest, wenn du Unterstützung brauchst.
- Schreibe außerdem in das Innere des Kreises, welche Seiten du mit diesen Menschen ausleben kannst.
- Schreibe außerhalb des Kreises die Menschen in deinem Leben, die dir nicht gut tun und die du lieber auf Distanz halten möchtest.
- Gibt es Menschen, die du gerne auf die Linie des Kreises schreiben möchtest?
- Wie geht es dir bei dem Betrachten des Kreises? Gibt es Überraschungen?
- Mit wem verbringst du deine Zeit? Und entspricht dies deinen Eintragungen im Kreis?
Mittwoch, 1. Mai 2013
ReAktionsdruck
Als feministische Aktivist_innen spielen wir häufig Feuerwehr. Selbst in meinem Körper ist ReAgieren eingeschrieben, sei es auf den sexistischen oder homophoben Spruch auf der Straße oder irgendwas Rassistisches, das in den Medien passiert.
Meine Hoffnung ist, dass es auch irgendeine Form von Agieren ist, weil ich handle, Sachen nicht hinnehme und versuche, auf eine kleinere oder gesellschaftlichere Veränderung hinzuwirken. Und doch bleibt es immer nur eine Reaktion. Ich agiere, weil ich in das Agieren anderer intervenieren möchte. Und dabei entsteht eine Abhängigkeit. Ich spüre die Abhängigkeit, wenn ich emotional davon belastet bin, was um mich herum passiert. Ich spüre die Abhängigkeit, wenn auf die Reaktion von mir keine Reakton kommt oder eine gewaltvolle Reaktion kommt. Ich spüre die Abhängigkeit, wenn ich immer mehr Energie in die gewaltvolle Dynamik gebe, weil ich die Hoffnung habe(n muss), dass sich vielleicht doch noch etwas verändert.
Ich brauche Zeiten, wo ich aus diesem ReAktionsdruck aussteige. Und doch liegt die Entscheidung so selten bei mir, außer ich ziehe mich in die Isolation zurück und bin auch nicht in virtuellen Welten unterwegs.
Ein kleiner Schritt aus der Abhängigkeit heraus ist, wenn ich meine Zufriedenheit mit Interventionen nicht an der ReAktion meines Gegenübers messe, sondern an meinem eigenen Verhalten: Habe ich nach meinen eigenen Werten gehandelt? Habe ich eine Intervention gefunden, in der ich keine Gewalt reproduziere? Hab ich auf meine eigene Sicherheit geachtet? Hab ich mir danach selbst Anerkennung gegeben bzw. gut für mich gesorgt, wenn die Situation mich verletzt, verunsichert oder gefährdet hat?
Es hilft mir aber auch, die Momente und Situationen zu sammeln, in denen mein ReAgieren einen Effekt hatte, in denen ich kleine Veränderungen bewirkt habe. All die schlechten Erlebnisse bleiben meistens stärker hängen. Und ich habe gemerkt, dass ich mich aktiv an die (mehr oder weniger) erfolgreichen Interventionen erinnern muss. Diese Erlebnisse hab ich meistens in meinem sozialen Umfeld oder in Kontexten, wo ich mich auf gemeinsame Werte beziehen kann, wo es emotionale und/oder politische Nähe gibt.
Um sich an positive Erlebnisse zu erinnern, kann ich dir zwei verschiedene Formen vorschlagen:
1. Du kannst ein Freude-Heft führen, in das du jeden Abend fünf Sachen schreibst, über die du dich heute gefreut hast. Für manche kann es auch stimmiger sein, das Heft als Dankbarkeitsheft zu bezeichnen und Sachen zu notieren, für die du dankbar bist. Dort ist dann eben auch Platz für ReAktionen, mit denen du zufrieden warst.
2. Du kannst dir ein Einmachglas zulegen, in denen du deine Erfolgserlebnisse sammelst. Jedes Erfolgserlebnis kommt auf einen kleinen Zettel, der zusammengefaltet und ins Glas gelegt wird.
Und wenn du frustriert bist oder dich über die Welt ärgerst, kannst du nachlesen, was du schon geschrieben hast und hoffentlich wieder Energie für die nächsten ReAktionen tanken.
Weitere Blogposts zu dem Thema:
Eine Frage der Haltung
Immer auf Rufbereitschaft
Meine Hoffnung ist, dass es auch irgendeine Form von Agieren ist, weil ich handle, Sachen nicht hinnehme und versuche, auf eine kleinere oder gesellschaftlichere Veränderung hinzuwirken. Und doch bleibt es immer nur eine Reaktion. Ich agiere, weil ich in das Agieren anderer intervenieren möchte. Und dabei entsteht eine Abhängigkeit. Ich spüre die Abhängigkeit, wenn ich emotional davon belastet bin, was um mich herum passiert. Ich spüre die Abhängigkeit, wenn auf die Reaktion von mir keine Reakton kommt oder eine gewaltvolle Reaktion kommt. Ich spüre die Abhängigkeit, wenn ich immer mehr Energie in die gewaltvolle Dynamik gebe, weil ich die Hoffnung habe(n muss), dass sich vielleicht doch noch etwas verändert.
Ich brauche Zeiten, wo ich aus diesem ReAktionsdruck aussteige. Und doch liegt die Entscheidung so selten bei mir, außer ich ziehe mich in die Isolation zurück und bin auch nicht in virtuellen Welten unterwegs.
Ein kleiner Schritt aus der Abhängigkeit heraus ist, wenn ich meine Zufriedenheit mit Interventionen nicht an der ReAktion meines Gegenübers messe, sondern an meinem eigenen Verhalten: Habe ich nach meinen eigenen Werten gehandelt? Habe ich eine Intervention gefunden, in der ich keine Gewalt reproduziere? Hab ich auf meine eigene Sicherheit geachtet? Hab ich mir danach selbst Anerkennung gegeben bzw. gut für mich gesorgt, wenn die Situation mich verletzt, verunsichert oder gefährdet hat?
Es hilft mir aber auch, die Momente und Situationen zu sammeln, in denen mein ReAgieren einen Effekt hatte, in denen ich kleine Veränderungen bewirkt habe. All die schlechten Erlebnisse bleiben meistens stärker hängen. Und ich habe gemerkt, dass ich mich aktiv an die (mehr oder weniger) erfolgreichen Interventionen erinnern muss. Diese Erlebnisse hab ich meistens in meinem sozialen Umfeld oder in Kontexten, wo ich mich auf gemeinsame Werte beziehen kann, wo es emotionale und/oder politische Nähe gibt.
Um sich an positive Erlebnisse zu erinnern, kann ich dir zwei verschiedene Formen vorschlagen:
1. Du kannst ein Freude-Heft führen, in das du jeden Abend fünf Sachen schreibst, über die du dich heute gefreut hast. Für manche kann es auch stimmiger sein, das Heft als Dankbarkeitsheft zu bezeichnen und Sachen zu notieren, für die du dankbar bist. Dort ist dann eben auch Platz für ReAktionen, mit denen du zufrieden warst.
2. Du kannst dir ein Einmachglas zulegen, in denen du deine Erfolgserlebnisse sammelst. Jedes Erfolgserlebnis kommt auf einen kleinen Zettel, der zusammengefaltet und ins Glas gelegt wird.
Und wenn du frustriert bist oder dich über die Welt ärgerst, kannst du nachlesen, was du schon geschrieben hast und hoffentlich wieder Energie für die nächsten ReAktionen tanken.
Weitere Blogposts zu dem Thema:
Eine Frage der Haltung
Immer auf Rufbereitschaft
Samstag, 27. April 2013
Das Selbst in Selbstfürsorge
Heute möchte ich das kleine Wörtchen "selbst" in Selbstfürsorge betonen. Denn bei Selbst-für-sorge geht es weniger um das Sorgen, sondern eher darum etwas für sich selbst zu tun.
Als feminitische Aktivistin bin ich es gewohnt mich um andere zu sorgen, mir Sorgen zu machen, für andere da zu sein. Schon schwieriger wird es, wenn ich versuche, für etwas zu sein. Obwohl ich ja behaupten würde, dass es ein wichtiger Teil meiner Selbstfürsorge ist, mehr für etwas zu sein als immer nur gegen etwas. Doch das "Selbst" ist die schwierigste Aufgabe.
In meinem Blog geht es mir nicht darum, euch Wellness-Tipps zu geben, die ihr dann auch noch auf eure To-do-Liste setzt, um brav ein Häkchen dahinter machen zu können. Ich hab selbst immer wieder die Tendenz, Selbstfürsorge als eine weitere Aufgabe zu sehen, die ich auch noch zu erledigen habe. Und wenn ich es nicht hinbekomme, bin ich frustriert und mach mich schlecht, weil ich zu faul bin/ nicht konsequent genug bin/ mich nicht gut genug kümmere...
Aber darum geht es ja nicht wirklich. All die einzelnen Formate (wie Meditieren, Morgenseiten, Spazierengehen, ...) sind ja eigentlich nur Möglichkeiten, um mir selbst zu begegnen. In meinem Alltag kann ich selbst leicht in Vergessenheit geraten. Doch wenn ich für mich sorge, dann rücke ich mich selbst für eine kurze Zeit selbst in den Mittelpunkt. Das hat nichts mit Egoismus oder Selbstverliebtheit zu tun. Ich wünsche mir von mir selbst, dass ich mir mit der gleichen Wertschätzung und Aufmerksamkeit begegne, wie ich das auch anderen gegenüber tue.
Auch in den Begegnungen mit mir selbst mache ich Fehler, bin ich hart zu mir oder unaufmerksam. Ein Teil meiner Selbstfürsorge ist auch zu lernen, mich bei mir selbst zu entschuldigen und (fast noch wichtiger) mir selbst zu verzeihen und dann einen neuen Anlauf zu nehmen.
Kein Perfektionismus also in Sachen Selbstfürsorge, sondern Mut zu Fehlern, viel Raum für Lernen und Ausprobieren.
Ich hab online ein tolles Projekt gefunden, wo einzelne (auf englisch) über ihre unperfekte Selbstfürsorge schreiben: The Perfectly Imperfect Project: Real Self-Care.
Vielleicht macht es dir Hoffnung, dass du auch gut für dich sorgst, selbst wenn nicht alles nach (Wellness-) Plan läuft.
Wo bist du selbst in deiner Selbstfürsorge? Was macht dieses Selbst besonders aus?
An welchen Stellen ist deine Selbstfürsorge vollkommen unvollkommen?
Wie kannst du dir selbst am besten begegnen?
Als feminitische Aktivistin bin ich es gewohnt mich um andere zu sorgen, mir Sorgen zu machen, für andere da zu sein. Schon schwieriger wird es, wenn ich versuche, für etwas zu sein. Obwohl ich ja behaupten würde, dass es ein wichtiger Teil meiner Selbstfürsorge ist, mehr für etwas zu sein als immer nur gegen etwas. Doch das "Selbst" ist die schwierigste Aufgabe.
In meinem Blog geht es mir nicht darum, euch Wellness-Tipps zu geben, die ihr dann auch noch auf eure To-do-Liste setzt, um brav ein Häkchen dahinter machen zu können. Ich hab selbst immer wieder die Tendenz, Selbstfürsorge als eine weitere Aufgabe zu sehen, die ich auch noch zu erledigen habe. Und wenn ich es nicht hinbekomme, bin ich frustriert und mach mich schlecht, weil ich zu faul bin/ nicht konsequent genug bin/ mich nicht gut genug kümmere...
Aber darum geht es ja nicht wirklich. All die einzelnen Formate (wie Meditieren, Morgenseiten, Spazierengehen, ...) sind ja eigentlich nur Möglichkeiten, um mir selbst zu begegnen. In meinem Alltag kann ich selbst leicht in Vergessenheit geraten. Doch wenn ich für mich sorge, dann rücke ich mich selbst für eine kurze Zeit selbst in den Mittelpunkt. Das hat nichts mit Egoismus oder Selbstverliebtheit zu tun. Ich wünsche mir von mir selbst, dass ich mir mit der gleichen Wertschätzung und Aufmerksamkeit begegne, wie ich das auch anderen gegenüber tue.
Auch in den Begegnungen mit mir selbst mache ich Fehler, bin ich hart zu mir oder unaufmerksam. Ein Teil meiner Selbstfürsorge ist auch zu lernen, mich bei mir selbst zu entschuldigen und (fast noch wichtiger) mir selbst zu verzeihen und dann einen neuen Anlauf zu nehmen.
Kein Perfektionismus also in Sachen Selbstfürsorge, sondern Mut zu Fehlern, viel Raum für Lernen und Ausprobieren.
Ich hab online ein tolles Projekt gefunden, wo einzelne (auf englisch) über ihre unperfekte Selbstfürsorge schreiben: The Perfectly Imperfect Project: Real Self-Care.
Vielleicht macht es dir Hoffnung, dass du auch gut für dich sorgst, selbst wenn nicht alles nach (Wellness-) Plan läuft.
Wo bist du selbst in deiner Selbstfürsorge? Was macht dieses Selbst besonders aus?
An welchen Stellen ist deine Selbstfürsorge vollkommen unvollkommen?
Wie kannst du dir selbst am besten begegnen?
Sonntag, 21. April 2013
Eine Frage der Haltung
Schon immer hatte ich eine Begeisterung für Science Fiction- und Fantasy-Romane. In meiner Jugend verschlag ich alle Romane von Marion Zimmer Bradley. Dann fand ich den anarchistischen Utopie-Roman "bolo'bolo" und hab mich das erste Mal gefragt, wie ich leben möchte und wie ein Leben nach einer gesellschaftlichen Veränderung gestaltet sein könnte. Heute füllen feministische Romane von Octavia Butler, Marge Piercy, Margaret Atwood und Ursula LeGuin die Science Fiction Ecke meines Bücherregals.
Was hat aber Science Fiction und die Flucht in ferne Welten mit Selbstfürsorge zu tun?
Zum einen denke ich, dass Ablenkung auch ein wichtiger Teil von Selbstfürsorge sein kann. Nicht immer hab ich noch die Energie, auf eine Weise für mich zu sorgen, in der ich Geschehenes verarbeiten kann und in mir selbst zur Ruhe komme. Manchmal ist es auch einfach gut, abzuschalten und mich mit ganz anderen Dingen zu beschäftigen.
Der Punkt, um den es mir hier aber geht, ist, dass Science Fiction die Frage nach anderen Lebensweisen stellt. Darüber hab ich einen Zugang zu der Frage gefunden, wie ich den eigentlich leben möchte. Während ich früher ganz stark nach anderen gesellschaftlichen Modellen gesucht habe, sind es heute eher Überlegungen zu der Haltung, mit der ich mich im Alltag bewegen möchte.
In meinem Post "Wenn Nähe Distanz schafft" hab ich am Ende die Frage gestellt, wie wir respektvoll und verantwortungsvoll miteinander umgehen können. Ich finde die Frage sehr schwierig, weil ich feministisch so sozialisiert wurde, gegen Dinge zu sein, mich über sexistische Situationen aufzuregen, gegen Gewalt und Diskriminierung zu intervenieren. All diese Dinge finde ich wichtig und tue ich auch heute noch, aber in den letzten Jahren hab ich zunehmend gemerkt, dass mir die positiven Gegenkonzepte fehlen. Wenn nicht so, wie dann? ist die Frage, die mich beschäftigt.
Wie möchte ich meine Freund_innenschaften und Beziehungen leben, wenn sie nicht von Gewalt geprägt sein sollen? Wie möchte ich andere auf eine Art und Weise kritisieren, die ihnen die Möglichkeit zur Veränderung einräumt? Nach welchen Werten richte ich mein eigenes Verhalten aus? Wie kann ich anderen mit Wertschätzung begegnen und wie kann ich Verantwortung für mein Verhalten übernehmen, wenn ich das mal nicht tue?
Für mich ist Selbstfürsorge deswegen auch ganz viel eine Frage der Haltung. Es kommt nicht so sehr auf die einzelnen Formen an, die ich für meine Selbstfürsorge wähle. Es kommt nicht so sehr darauf an, ob ich meine Morgenseiten schreibe oder meditiere. Für mich sind es nur Hilfsmittel, um mich mit einer wertschätzenden Grundhaltung durch mein Leben bewegen zu können. Diese Haltung entspannt mich, weil sie mir mehr Wahlmöglichkeiten eröffnet und ich nicht so sehr im Reagieren auf alles Schlechte in dieser Welt verhaftet bleiben muss. Das ist für mich eine Weise, gut für mich selbst zu sorgen, weil ich mich nicht mehr so sehr mit Negativität anfülle.
Wie möchtest du leben?
Welche Werte sind dir in deinem Leben wichtig?
Wie kannst du gut für dich sorgen, wenn du gegen Gewalt und Diskriminierung intervenierst?
Was machst du gerne, um abzuschalten? Und was hilft dir, Dinge zu verarbeiten?
Was hat aber Science Fiction und die Flucht in ferne Welten mit Selbstfürsorge zu tun?
Zum einen denke ich, dass Ablenkung auch ein wichtiger Teil von Selbstfürsorge sein kann. Nicht immer hab ich noch die Energie, auf eine Weise für mich zu sorgen, in der ich Geschehenes verarbeiten kann und in mir selbst zur Ruhe komme. Manchmal ist es auch einfach gut, abzuschalten und mich mit ganz anderen Dingen zu beschäftigen.
Der Punkt, um den es mir hier aber geht, ist, dass Science Fiction die Frage nach anderen Lebensweisen stellt. Darüber hab ich einen Zugang zu der Frage gefunden, wie ich den eigentlich leben möchte. Während ich früher ganz stark nach anderen gesellschaftlichen Modellen gesucht habe, sind es heute eher Überlegungen zu der Haltung, mit der ich mich im Alltag bewegen möchte.
In meinem Post "Wenn Nähe Distanz schafft" hab ich am Ende die Frage gestellt, wie wir respektvoll und verantwortungsvoll miteinander umgehen können. Ich finde die Frage sehr schwierig, weil ich feministisch so sozialisiert wurde, gegen Dinge zu sein, mich über sexistische Situationen aufzuregen, gegen Gewalt und Diskriminierung zu intervenieren. All diese Dinge finde ich wichtig und tue ich auch heute noch, aber in den letzten Jahren hab ich zunehmend gemerkt, dass mir die positiven Gegenkonzepte fehlen. Wenn nicht so, wie dann? ist die Frage, die mich beschäftigt.
Wie möchte ich meine Freund_innenschaften und Beziehungen leben, wenn sie nicht von Gewalt geprägt sein sollen? Wie möchte ich andere auf eine Art und Weise kritisieren, die ihnen die Möglichkeit zur Veränderung einräumt? Nach welchen Werten richte ich mein eigenes Verhalten aus? Wie kann ich anderen mit Wertschätzung begegnen und wie kann ich Verantwortung für mein Verhalten übernehmen, wenn ich das mal nicht tue?
Für mich ist Selbstfürsorge deswegen auch ganz viel eine Frage der Haltung. Es kommt nicht so sehr auf die einzelnen Formen an, die ich für meine Selbstfürsorge wähle. Es kommt nicht so sehr darauf an, ob ich meine Morgenseiten schreibe oder meditiere. Für mich sind es nur Hilfsmittel, um mich mit einer wertschätzenden Grundhaltung durch mein Leben bewegen zu können. Diese Haltung entspannt mich, weil sie mir mehr Wahlmöglichkeiten eröffnet und ich nicht so sehr im Reagieren auf alles Schlechte in dieser Welt verhaftet bleiben muss. Das ist für mich eine Weise, gut für mich selbst zu sorgen, weil ich mich nicht mehr so sehr mit Negativität anfülle.
Wie möchtest du leben?
Welche Werte sind dir in deinem Leben wichtig?
Wie kannst du gut für dich sorgen, wenn du gegen Gewalt und Diskriminierung intervenierst?
Was machst du gerne, um abzuschalten? Und was hilft dir, Dinge zu verarbeiten?
Freitag, 12. April 2013
Die süße Kunst des Nichtstuns
Ich hab bereits darüber geschrieben, dass die Vorstellung, dass es immer wieder etwas zu tun gibt, zu Erschöpfung bei Aktivist_innen führen kann. Ein Phänomen, das ich selbst nur zu gut kenne. Und am besten erkennbar finde ich es, wenn ich mir meinen Kalender betrachte und gucke, wie voll der eigentlich so ist und mit was er so gefüllt ist. Was steht in deinem Kalender in dieser und nächster Woche? Welche Termine nehmen dir Energie und welche geben dir Energie? Wann sind die nächsten freien Zeiten erkennbar? Und wie lange ist es noch bis dahin?
Und wann gibt es den nächsten Tag ohne feste Verabredungen und Pläne?
Ich muss mich als Leser_in von manchmal kitschigen Büchern outen, so auch Elizabeths Gilberts "Eat, Pray, Love" (der auch mit Julia Roberts in der Hauptrolle verfilmt wurde). Und manchmal stecken in kitschigen Büchern schlaue Sachen. In dem Buch hab ich das Konzept von "Dolce Far Niente" - die süße Kunst des Nichtstuns - kennengelernt. Und damit eine passende Beschreibung für meine Jaydays gefunden.
Ein Jayday ist - wie der Name schon sagt - ein Tag, an dem ich keine Verabredungen plane und den ich mit mir alleine verbringe. Ich mach keine konkreten Pläne und nehm mir nichts Festes vor. Es ist ein Tag, an dem ich versuche, im Augenblick zu leben und meinen Bedürfnissen zu folgen. Ich nehm mir Zeit nachzuspüren und in mich reinzuhorchen. Ich lasse es mir gut gehen. Es tut mir gut, keine gequetschte Zeit zu haben, wo immer schon das Nächste auf mich wartet.
Es sind für mich die Tage, an denen ich übe, meine Bedürfnisse zu spüren. Ich merke, dass ich da regelmäßige Übung brauche. Wenn ich zum Beispiel an einem Jayday das Bedürfnis bekomme, meine Wohnung zu putzen, dann frag ich mich, ob ich das jetzt machen will, weil ich es nicht aushalte, nicht produktiv zu sein und nicht zu funktionieren. Oder kommt das Bedürfnis daher, dass ich durch klare Fenster den Frühling sehen möchte und mich danach auf meinem Sofa die Sonne genießen kann? Und meist ist es eine Mischung aus beiden. An Jaydays versuche ich, meinen Funktioniermodus abzulegen, spielerisch zu sein und genießen zu lernen.
Was ist für dich Dolce Far Niente?
Wo bist du?
Was machst du (nicht)?
Über welche Sinne nimmst du was wahr?
Welche Bedrüfnisse entstehen (am Anfang und während des Tages)?
Was hilft dir, im Hier und Jetzt zu sein?
Ich wünsch dir viel Freude beim Nichtstun.
Und wann gibt es den nächsten Tag ohne feste Verabredungen und Pläne?
Ich muss mich als Leser_in von manchmal kitschigen Büchern outen, so auch Elizabeths Gilberts "Eat, Pray, Love" (der auch mit Julia Roberts in der Hauptrolle verfilmt wurde). Und manchmal stecken in kitschigen Büchern schlaue Sachen. In dem Buch hab ich das Konzept von "Dolce Far Niente" - die süße Kunst des Nichtstuns - kennengelernt. Und damit eine passende Beschreibung für meine Jaydays gefunden.
Ein Jayday ist - wie der Name schon sagt - ein Tag, an dem ich keine Verabredungen plane und den ich mit mir alleine verbringe. Ich mach keine konkreten Pläne und nehm mir nichts Festes vor. Es ist ein Tag, an dem ich versuche, im Augenblick zu leben und meinen Bedürfnissen zu folgen. Ich nehm mir Zeit nachzuspüren und in mich reinzuhorchen. Ich lasse es mir gut gehen. Es tut mir gut, keine gequetschte Zeit zu haben, wo immer schon das Nächste auf mich wartet.
Es sind für mich die Tage, an denen ich übe, meine Bedürfnisse zu spüren. Ich merke, dass ich da regelmäßige Übung brauche. Wenn ich zum Beispiel an einem Jayday das Bedürfnis bekomme, meine Wohnung zu putzen, dann frag ich mich, ob ich das jetzt machen will, weil ich es nicht aushalte, nicht produktiv zu sein und nicht zu funktionieren. Oder kommt das Bedürfnis daher, dass ich durch klare Fenster den Frühling sehen möchte und mich danach auf meinem Sofa die Sonne genießen kann? Und meist ist es eine Mischung aus beiden. An Jaydays versuche ich, meinen Funktioniermodus abzulegen, spielerisch zu sein und genießen zu lernen.
Was ist für dich Dolce Far Niente?
Wo bist du?
Was machst du (nicht)?
Über welche Sinne nimmst du was wahr?
Welche Bedrüfnisse entstehen (am Anfang und während des Tages)?
Was hilft dir, im Hier und Jetzt zu sein?
Ich wünsch dir viel Freude beim Nichtstun.
Dienstag, 26. März 2013
Wenn Nähe Distanz schafft
Was bedeutet eigentlich Solidarität? Und wie emotional belastend kann das Ringen um Solidarität sein?
In dem Buch "Entscheidend einschneidend - Mit Gewalt unter Frauen in lesbischen und feministischen Zusammenhängen umgehen" wird eindrücklich beschrieben, wie Solidarität in feministischen Zusammenhängen häufig an Grenzen stößt und das Miteinander eher durch gewaltvolles Verhalten als durch einen respektvollen Umgang geprägt ist.
In dem Artikel "Nein, also die... - Über Mobbing, Ächtung und Auschluss in Frauen- und Lesbenzusammenhängen" schreibt Michi Ebner:
Ich nehme zwei Formen wahr, wie Solidarität an ihre Grenzen stoßen kann:
Zum einen belastet es mich, wenn unterschiedliche Perspektiven keinen Raum haben dürfen und der Druck nach Einheitlichkeit hoch ist. Ich finde es wichtig, als Feminist_innen gemeinsame Positionen zu entwickeln, die strukturelle Gewalt wahrnehmen und Mehrfachdiskriminierung in den Mittelpunkt stellen. Aber ebenso finde ich es wichig, Platz zu lassen für Widersprüche und Widersprechen, für unterschiedliche Prioritäten und Schwerpunktsetzungen. Leider sind feministische Zusammenhänge und Gruppen immer wieder von Kämpfen um die radikalste Position und Deutungshoheit geprägt. Aus Solidarität wird Loyalitätsdruck: entweder du bist auf meiner Seite oder du bist gegen mich. Und zum Teil kann ich diese Perspektive auch verstehen: Aus erfahrener Gewalt entsteht ein Wunsch nach Unterstützung und geschützten Räumen. Nur leider kann aus diesem Wunsch nach Unterstützung eine zwanghafte Erwartung werden. Das hab ich an mir selbst schon erlebt und es tut mir leid, wie ich damit andere unter Druck gesetzt habe. Ich kann andere nicht zwingen, eine andere Meinung herunterzuschlucken.
Zum anderen finde ich es schwierig, wenn die politischen Ideale und Utopien, die wir inhaltlich besprechen, in den eigenen Zusammenhängen nicht gelebt werden. Feministische Zusammenhänge sind keine diskriminierungsfreien Räume. Ein Wunsch nach geschützten Räumen macht meiner Meinung nach nur aus privilegierter Perspektive Sinn, wo keine Verbündeten benötigt werden und die vermeintlichen "Feinde" ausgeschlossen werden können. Das macht ein Ansprechen von Diskriminierungen und gewaltvollen Äußerungen nahezu unmöglich, weil sie ja per se nicht stattfinden dürfen und können. Konstruktive Kritik ist nicht gewünscht. Für mich ist es aber wichtig, verantwortungsvoll miteinander umzugehen. Ich möchte von anderen darauf aufmerksam gemacht werden, wenn ich mich nicht nach meinen (unseren geteilten) feministischen Ansprüchen verhalte. Und ich möchte andere darauf hinweisen, um ihnen die Möglichkeit zur Veränderung zu geben.
Die Schwierigkeit besteht für mich häufig darin, das eine von dem anderen zu unterscheiden. Möchte ich gerade Kritik geben, weil ich wahrnehme, dass sich gerade jemand nicht verantwortungsvoll verhält? Oder ist meine vermeintliche Kritik eine Erwartung nach Einheitlichkeit und ein Zurechtweisen, sich nach meinen Vorstellungen zu verhalten? Ich finde es wichtig, solidarisches Verhalten gemeinsam zu reflektieren und zusammen Wege zu finden, ein verantwortungsvolles Miteinander aufzubauen und zu füllen und zu leben.
Ich wünsche mir, dass wir mehr sprechen, wie uns unsolidarisches Verhalten belastet. Ich wünsche mir, dass wir Umgangsstrategien entwickeln, dass sich nicht immer mehr Aktivist_innen aus feministischen Zusammenhängen zurückziehen, weil ihre Stimmen dort nicht gehört werden.
Was bedeutet eigentlich Solidarität für dich?
Wie können wir verantwortungsvoll und respektvoll miteinander umgehen?
Wie wollen wir uns gegenseitig Kritik geben, um gemeinsam wachsen zu können?
Wie kann ein feministischer Aktivismus mit Raum für unterschiedliche Perspektiven geschaffen werden?
In dem Buch "Entscheidend einschneidend - Mit Gewalt unter Frauen in lesbischen und feministischen Zusammenhängen umgehen" wird eindrücklich beschrieben, wie Solidarität in feministischen Zusammenhängen häufig an Grenzen stößt und das Miteinander eher durch gewaltvolles Verhalten als durch einen respektvollen Umgang geprägt ist.
In dem Artikel "Nein, also die... - Über Mobbing, Ächtung und Auschluss in Frauen- und Lesbenzusammenhängen" schreibt Michi Ebner:
Gruppenstrukturen mit Gleichheitsdruck verlangen zudem, dass alle Gruppenmitglieder im konstruierten Wir-Gefühl untertauchen, wobei jede, die nicht in diese scheinbare Gleichheit passt oder bewusst aus ihr heraustritt, in Gefahr des Ausschlusses gerät. (...)
Viele geben sich gerne "individuell, "widerständig", "eigenwillig", und würden es sich nicht einmal selbst vergegenwärtigen, dass Anpassung an die Gruppe einen wichtigen Stellenwert für sie hat. Denn das passt nicht in das Selbstbild der politisch aktiven Feministin. Und doch scheinen de facto Verschiedenheit, persönliche Stärke, die Fähigkeit eigene Entscheidungen zu treffen, das Übernehmen von Verantwortung für das eigene Handeln in krassem Widerspruch zu den in der Bewegung sehr weit verbreiteten Gruppenstrukturen zu sein.
Ich nehme zwei Formen wahr, wie Solidarität an ihre Grenzen stoßen kann:
Zum einen belastet es mich, wenn unterschiedliche Perspektiven keinen Raum haben dürfen und der Druck nach Einheitlichkeit hoch ist. Ich finde es wichtig, als Feminist_innen gemeinsame Positionen zu entwickeln, die strukturelle Gewalt wahrnehmen und Mehrfachdiskriminierung in den Mittelpunkt stellen. Aber ebenso finde ich es wichig, Platz zu lassen für Widersprüche und Widersprechen, für unterschiedliche Prioritäten und Schwerpunktsetzungen. Leider sind feministische Zusammenhänge und Gruppen immer wieder von Kämpfen um die radikalste Position und Deutungshoheit geprägt. Aus Solidarität wird Loyalitätsdruck: entweder du bist auf meiner Seite oder du bist gegen mich. Und zum Teil kann ich diese Perspektive auch verstehen: Aus erfahrener Gewalt entsteht ein Wunsch nach Unterstützung und geschützten Räumen. Nur leider kann aus diesem Wunsch nach Unterstützung eine zwanghafte Erwartung werden. Das hab ich an mir selbst schon erlebt und es tut mir leid, wie ich damit andere unter Druck gesetzt habe. Ich kann andere nicht zwingen, eine andere Meinung herunterzuschlucken.
Zum anderen finde ich es schwierig, wenn die politischen Ideale und Utopien, die wir inhaltlich besprechen, in den eigenen Zusammenhängen nicht gelebt werden. Feministische Zusammenhänge sind keine diskriminierungsfreien Räume. Ein Wunsch nach geschützten Räumen macht meiner Meinung nach nur aus privilegierter Perspektive Sinn, wo keine Verbündeten benötigt werden und die vermeintlichen "Feinde" ausgeschlossen werden können. Das macht ein Ansprechen von Diskriminierungen und gewaltvollen Äußerungen nahezu unmöglich, weil sie ja per se nicht stattfinden dürfen und können. Konstruktive Kritik ist nicht gewünscht. Für mich ist es aber wichtig, verantwortungsvoll miteinander umzugehen. Ich möchte von anderen darauf aufmerksam gemacht werden, wenn ich mich nicht nach meinen (unseren geteilten) feministischen Ansprüchen verhalte. Und ich möchte andere darauf hinweisen, um ihnen die Möglichkeit zur Veränderung zu geben.
Die Schwierigkeit besteht für mich häufig darin, das eine von dem anderen zu unterscheiden. Möchte ich gerade Kritik geben, weil ich wahrnehme, dass sich gerade jemand nicht verantwortungsvoll verhält? Oder ist meine vermeintliche Kritik eine Erwartung nach Einheitlichkeit und ein Zurechtweisen, sich nach meinen Vorstellungen zu verhalten? Ich finde es wichtig, solidarisches Verhalten gemeinsam zu reflektieren und zusammen Wege zu finden, ein verantwortungsvolles Miteinander aufzubauen und zu füllen und zu leben.
Ich wünsche mir, dass wir mehr sprechen, wie uns unsolidarisches Verhalten belastet. Ich wünsche mir, dass wir Umgangsstrategien entwickeln, dass sich nicht immer mehr Aktivist_innen aus feministischen Zusammenhängen zurückziehen, weil ihre Stimmen dort nicht gehört werden.
Was bedeutet eigentlich Solidarität für dich?
Wie können wir verantwortungsvoll und respektvoll miteinander umgehen?
Wie wollen wir uns gegenseitig Kritik geben, um gemeinsam wachsen zu können?
Wie kann ein feministischer Aktivismus mit Raum für unterschiedliche Perspektiven geschaffen werden?
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