Montag, 16. Juni 2014

Mich Ein_Lassen

Wo gebe ich mich auf? Wo verausgabe ich mich? In den letzten Jahren hab ich gelernt, solche Situationen besser zu erkennen und je nach Möglichkeiten und Ressourcen zu vermeiden. Mich aufzugeben ist für mich nicht gleichbedeutend damit meine Komfortzonen aufzugeben. Komfortzonen aufzugeben finde ich sehr wichtig, wenn es darum geht, kritisch mit eigenen Privilegien umzugehen. Ein Re-Zentrieren meiner politischen Haltungen und Handlungen (Text zu Rezentrieren von Feminismus auf englisch) - mit der Hoffnung, dass dadurch caring Communties möglich_er werden.

Stattdessen habe ich versucht, eine Balance zu finden zwischen den Polen, mich einzustellen und für mich einzustehen. Wo stelle ich mich auf andere (Bedürfnisse) ein? Wo stehe ich für mich und meine Bedürfnisse ein? Vor allem in Konflikten habe ich versucht, ein Gleichgewicht zu halten. Wenn ich diese beide Pole aber als Ansatzpunkt nehme, dann denke und lebe ich mehr in einem Gegeneinander (entweder gebe ich nach oder ich fordere ein) statt in einem Miteinander. Seit ich mich mehr damit beschäftige wie ich caring Communities kollektiv aufbauen und leben möchte, wird mir deutlicher, dass es Teil meiner Schutzmechanismen ist, mich einzustellen und für mich einzustehen. Es sind wichtige Umgangsstrategien für Situationen, in denen ich davon ausgehe, dass mir Menschen nicht unbedingt zugewandt sind. Aber in meinen Communities wünsche ich mir etwas anderes (von mir selbst).

Was würde es bedeuten, wenn ich mich einlasse statt mich einzustellen? Ich merke, wie sich meine Haltung verschiebt, wenn ich versuche, mich einzulassen. Nicht in jeder Situation ist ein Einlassen möglich, weil es auch erfordert, liebgewonnene (und manchmal notwendige) Schutzmechanismen zu reduzieren oder loszulassen. Nicht in jeder Situation halte ich ein Einlassen für sinnvoll.
Außerdem ist die Frage, wie ich ein Einlassen von anderen ermöglichen kann. Wenn ich selbst nicht bereit bin, mich einzulassen, meine Komfortzonen zu verlassen und andere lernen zu lassen, dann wird es für andere schwierig sich einlassen zu können.


mich einlassen
mich auf begegnungen einlassen
mich auf gefühle einlassen
mich auf schwierigkeiten einlassen
mich auf situationen einlassen
mich auf herausforderungen einlassen
mich auf menschen einlassen
mich auf konflikte einlassen
mich auf bewegungen einlassen
mich einlassen


mich lassen
mich atmen lassen
mich bewegen lassen
mich fehler machen lassen
mich lernen lassen
mich neues heraus_finden lassen
mich altes wieder finden lassen
mich lassen


Wo stellst du dich auf andere/ auf Situationen ein? Wo stehst du für dich ein?
Was wäre anders, wenn du dich einlassen würdest? Was wäre anders, wenn du dich lernen lassen würdest?
Was tust du, damit andere sich einlassen können?
Wo lässt du dich bereits ein?
Wo verlässt du deine Komfortzonen, um dich auf anderes einzulassen?

Sonntag, 18. Mai 2014

Wie möchte ich mit Kritik umgehen? - Alternativen zu Zurückweisung und Selbstabwertung

Auf einem Treffen mit feministischen Aktivist_innen aus Ljubljana und Berlin zu "safer (public) spaces" haben wir über Praktiken von caring Communities gesprochen. Vielen Dank an meine Kleingruppe für den tollen Austausch! Dabei ging es auch um den Umgang mit Kritik.

Wenn es um Kritik in feministischen Räumen geht, fällt mir auf, dass es meistens um die Kritik an anderen und das Intervenieren in diskriminierendes oder gewaltvolles Verhalten geht. Ich imaginiere mich in der Rolle von derjenigen, die Kritik übt. Oder ich bin in der Position, dass ich verletzt werde und möchte, dass andere intervenieren und Stellung beziehen.
Entsprechend wird häufig in safer spaces, wie Empowerment-Workshops oder Austauschtreffen, zu Beginn der Veranstaltung danach gefragt, was in diesem Raum nicht stattfinden soll, auf welche Grenzen geachtet werden soll und welche Rückzugsmöglichkeiten eine Person möchte. Doch was passiert, wenn Grenzen verletzt werden? Wie können wir für solche Momente vorsorgen? Wie kann Kritik eingeladen werden? Wie können wir caring Communities schaffen, in denen ein Umgang mit Kritik selbstverständlich ist?

Wenn ich über caring Communities nachdenke, dann denke ich darüber nach, wie ich mich wertschätzend, fürsorglich und aufmerksam auf andere ausrichten kann. Dazu gehört für mich auch ein selbstkritischer Umgang damit, dass ich mich selbst (potentiell) diskriminierend und gewaltvoll verhalte. Für mich sind caring Communities auch verantwortungsvolle Communities, in denen es eine Sensibilität dafür gibt, dass es keine Räume ohne Gewalt und Diskriminierung gibt und in denen Handlungsstrategien gemeinsam entwickelt werden. Diskriminierungssensible Räume zu schaffen beinhaltet deswegen für mich auch zu lernen, mit Kritik umzugehen.

Wenn ich Workshops zu diskriminierungssensibler Zusammenarbeit (im Rahmen von meiner Arbeit bei LesMigraS/ Lesbenberatung Berlin) gebe, dann sammle ich mit den Teilnehmer_innen Antworten zu den Fragen:
Wie möchte ich Kritik an anderen äußern?
Wie möchte ich mit Kritik umgehen?
Die Fragen fordern heraus. Vor allem der Perspektivwechsel auf sich selbst als Person, die Kritik erhält, macht einen Unterschied. Ich bin davon überzeugt, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit Kritik gelernt werden kann. Dazu gehört für mich auch eine Sensibilität dafür, wer aus welcher Position Kritik an wem äußert. Wenn es um diskriminierendes Verhalten geht, dann ist es Teil von Diskriminierungsstrukturen. Die geäußerte Kritik richtet sich dann nicht nur gegen das konkrete Verhalten von mir, sondern verweist auch immer auf die Machtverhältnisse, in denen mein Verhalten stattgefunden hat. Wenn ich mit Kritik umgehe, sollte das Teil davon sein.


Don't be sorry, be responsible.
In den Workshops zu Beziehungsskills vom Northwest Network gibt es eine Übung, in der es um unterschiedliche Umgangsmöglichkeiten mit Kritik geht. Den Teilnehmer_innen wird ein geschriebener Dialog zwischen zwei Personen zum Lesen gegeben. Nach der gleichen Ausgangssituation, in der eine Person Kritik am Verhalten der anderen Person äußert, gibt es drei Erzählungen, wie es weiter gehen könnte. Die Teilnehmer_innen werden gebeten, sich in die Rolle der verletzten Person zu versetzen und zu sagen, wie sich der Umgang mit der Kritik durch die andere Person anfühlt. Ich werde hier nicht das konkrete Beispiel aus den Workshops wiedergeben, sondern ein paar Schlüsselsätze für die drei Herangehensweisen vorstellen.


1) Zurückweisung
"Ich verstehe nicht, was dein Problem ist."
"Ich finde deine Reaktion total übertrieben."
"Du hast dich auch nicht so cool in der Situation verhalten."
"Immer kommst du mit deinen Filmen/ Psychos an. Dich interessiert überhaupt nicht, was das mit mir macht."

Diese Sätze sind eine Form, die Kritik zurückzuweisen und das benannte Problem zum Problem der anderen Person zu machen. Hier wird das Erleben und die Kritik der anderen Person als unberechtigt erklärt. Wenn ich diese Herangehensweise wähle, merke ich, dass es mir viel dabei um Selbstschutz geht und ich mein eigenes Verhalten nicht in Frage stellen möchte.

Alternativ: Wenn ich mit Kritik umgehe, dann ist es mir wichtig, der anderen Person zu vermitteln, dass ich die Kritik gehört habe. Ich möchte sicher gehen, dass ich wirklich alles verstanden habe, damit ich überlegen kann, was davon ich annehmen möchte und was nicht. Mir ist es wichtig, Wertschätzung und Dankbarkeit dafür zu zeigen, dass ich der anderen Person wichtig genug bin, dass sie mir Kritik gibt.


2) Selbstabwertung
"Ich bin so ein Arsch."
"Ich tue dir immer nur weh."
"Ich kann einfach nichts richtig machen."

In diesen Äußerungen wird die Kritik an der konkreten Situation verallgemeinert. Es geht nicht um eine bestimmte Verhaltensweise. Auch wenn es erstmal so wirkt, als würde die Kritik angenommen werden, so geht es auch hier nicht um die andere Person und deren Empfinden. Die Kritik geht in einer Spirale der Selbstabwertung verloren. Die kritisierte Person macht sich selbst handlungsunfähig. Es geht nicht um Veränderung. Wenn ich "immer" oder "nie" sage, dann ist das für mich meistens ein Zeichen dafür, dass ich gerade nicht in der konkreten Situation bleibe, sondern beginne, mich selbst als ganze Person abzuwerten.

Alternativ: Wenn ich mit Kritik umgehe, dann ist es mir wichtig, bei der konkreten Situation zu bleiben. Es ist mir wichtig, die Kritik als Kritik an meinem Verhalten und nicht an meiner Person anzunehmen. Dadurch wird es mir möglich, darüber nachzudenken, wie ich mein Verhalten verändern möchte. Außerdem möchte ich auf die Gefühle der anderen Person eingehen und fragen, was ich zur Unterstützung machen kann. Ich möchte wertschätzend damit umgehen, dass die andere Person sich gerade mir gegenüber geöffnet hat und eigene Verletzungen benannt hat. Von dem möchte ich nicht ablenken, indem ich mich in Selbstabwertung stütze. Selbstabwertung ist meistens auch eine Form von Selbstmitleid. Es geht erstmal nicht darum, was die Kritik mit mir emotional macht. Ich kann mir andere Räume suchen, in denen ich mich auf mich selbst fokussieren kann.


3) Verantwortungsvoller Umgang
"Es tut mir leid, wie ich mich verhalten habe. Das war nicht okay/ das war diskriminierend/ gewaltvoll."
"Danke, dass du mir deine Kritik mitteilst."
"Ich möchte mein Verhalten gerne ändern. Ich hab Ideen, was ich anders machen möchte. Hast du konkrete Wünsche?"
"Was brauchst du gerade?"

Ich möchte der anderen Person vermitteln, dass ich die Kritik verstanden habe und sie als Möglichkeit begreife zu lernen. Mir ist es wichtig, die Verletzungen und Gefühle der anderen Person anzuerkennen und (wenn das gewünscht ist) auf diese einzugehen. Ich weiß, dass eine Entschuldigung wichtig ist, aber nicht ausreicht. Deswegen will ich Strategien entwickeln, mich in Zukunft verantwortungsvoller zu verhalten. Teil von verantwortungsvollem Verhalten ist es, mich mehr darüber zu informieren, warum mein Verhalten diskrminierend war. Dafür kann ich auf verschiedene Ressourcen verwenden. Die Person, die mich kritisiert hat, ist die falsche Adresse für meine Fragen. Es ist gut, wenn meine Veränderungsstrategien so konkret wie möglich sind. Am wichtigsten ist, dass ich diese Strategien auch tatsächlich umsetze und nicht nur darüber rede, wie es besser wäre.


Wie möchtest du mit Kritik umgehen?
Wie möchtest du Kritik von anderen an deinem Verhalten einladen?
Woran erkennst du, ob du gerade (nicht) verantwortungsvoll mit Kritik umgehst?

Sonntag, 27. April 2014

Zeitlichkeiten und Beweglichkeiten

Welche Zeitlichkeiten und Beweglichkeiten setze ich in meinen Communities voraus?
Wie bewege ich mich durch die Welt? Und wie sehr denke ich, dass es andere auch so tun?
Wie vergeht für mich Zeit? Und wie sehr nehme ich an, dass sie es für andere auch so tut?

In den letzten Wochen habe ich zunehmend stärkere Schmerzen in meinem Knie. Und ich bin viel damit beschäftigt, wie es meine Beweglichkeit einschränkt. Ich überlege, in welchem Stockwerk eine Person wohnt, die ich besuche. Ich muss dem zweijährigen Kind, mit dem ich Zeit verbringe, erklären, dass ich es nicht mehr tragen kann. Ich denke darüber nach, ob ich mir einen Einkaufstrolley zulegen sollte.
Ich bin unsicher, wie und wann ich andere hinweisen soll, wenn ich mit ihnen spazierengehe und merke, dass mein Tempo und meine Belastbarkeit sich von denen der anderen unterscheiden. Ich überdenke, was es für mich bedeutet, auf eigenen Beinen zu stehen und möglichst selbstständig sein zu wollen. Hier ist ein Text zu chronischer Krankheit und nicht-automatischer Unterstützung.

Ich bin mit ableistischen Normen von Zeitlichkeiten und Beweglichkeiten beschäftigt.
In dem Ansatz von Barrierefreiheit steckt die Annahme, dass durch den Abbau von Barrieren die Teilnahme von möglichst vielen Menschen ermöglicht wird. Barrierefreiheit meint dabei meistens nur (ein eingeschränktes) Berücksichtigen von rollstuhlgerechten Räumen und Dolmetschen in Gebärdensprache. Wichtige Gedanken dazu finden sich bei riot_nrrrd.
Ich hab das Gefühl, dass dabei aber häufig die Binarität von "normal" und "Abweichung" reproduziert wird. Es geht in meiner Wahrnehmung darum, Rücksicht zu nehmen, etwas weniger zu behindern. Aber es geht nicht darum, eigene ableistische Normen zu hinterfragen und eigene Perspektiven zu verändern. Ein bisschen Platz machen, vielleicht noch ein bisschen mehr Zeit lassen - aber kein Hinterfragen der eigenen Beweglichkeiten und Zeitlichkeiten.

In ihrem Buch "Feminist, Queer, Crip" schreibt Alison Kafer über "crip time" und fordert dazu auf, unsere Wahrnehmungen von Zeit zu hinterfragen. (Hier gibt es eine Buchrezension auf englisch)
Alison Kafer spricht unter anderem von "anticipatory time", also von Zeit, in der etwas vorausschauend erwartet wird. Das Erwarten der nächsten Panikattacke, des nächsten epileptischen Anfalls, der nächsten allergischen Reaktion oder der nächsten triggernden Situation. Die Gegenwart ist davon geprägt, was in der Vergangenheit schon einmal ungewollte Reaktionen ausgelöst hat und was in der Zukunft welche auslösen könnte. Um ungewollte Reaktionen zu vermeiden, werden häufig Beweglichkeitsräume eingeschränkt.
Wenn ich also beispielsweise nicht auf Duftstoffe verzichte und keinen chemikalienreduzierten Raum herstelle, dann hindere ich Menschen mit vielfacher Chemikalienunverträglichkeit daran, mit mir im Kontakt zu sein oder sich in diesen Räumen zu bewegen.
Gleichzeitig kann ich durch mein Handeln nicht jede ungewollte Reaktion bei anderen oder mir selbst vermeiden. Ich kann durch mein Verhalten nur begrenzt Panikattacken oder Trigger verhindern. Ich muss mir eingestehen, Situationen nicht kontrollieren und Auslöser nicht vermeiden zu können. Es reicht also nicht, nur Barrieren in Räumen zu vermeiden und bestimmte Verhaltensweisen (mir selbst) zu untersagen. Es braucht eine Normalisierung von crip time und crip space, ein Zentrieren von vermeintlichen Abweichungen.

Wie kann ich mich auf verschiedene Beweglichkeiten und Zeitlichkeiten ausrichten und einlassen?
Wie kann ich dabei eine paternalistische Haltung vermeiden?
Was würde eine ableismuskritische Haltung bedeuten, die mehr beinhaltet, als (bestimmte) Barrieren zu vermeiden?
Wie lassen sich caring Communities anti-ableistisch gestalten?

Sonntag, 13. April 2014

Caring Communities

Auch wenn ich in den letzten Monaten hier nichts online gestellt habe, war ich an anderen Stellen im Netz aktiv gewesen.
Von Selbstfürsorge/ selfcare bewege ich mich immer weiter in Richtung caring communities.

Meine ersten Gedanken dazu finden sich
auf deutsch auf der Mädchenmannschaft
und auf englisch auf The Feminist Wire.


Even if i haven't posted anything here over the last couple of months, i have been busy at other places in the web.
I'm moving from selfcare into the direction of caring communities.

You can find my first thoughts
in english at The Feminist Wire
and in german at Mädchenmannschaft.

Dienstag, 21. Januar 2014

Wohlergehen: Der Ort, an dem Veränderung stattfindet (Teil 3)

 Interview mit Sandra Ljubinkovic

Teil 1 zu der Bedeutung von Selbstfürsorge
Teil 2 zu Verbindungen zwischen Selbstfürsorge und Aktivismus

Übersetzung des Interviews von mir
English version below


Wie sorgst du gut für dich?
Meine Selbstfürsorge und Heilpraktiken sind das Ergebnis von mehr als 15 Jahren Lernen, Training, Recherchen, Selbst-Beobachtung auf dem Weg zu mehr Wohlergehen und persönlicher Entwicklung. Für mich alleine und in der Gruppe mache ich Qi-Gong, Meditation, Reiki. Und ich habe Techniken zu energetischem Heilen, Berührungen für Gesundheit. Ich schlafe lange, wenn ich das Gefühl hab, es zu brauchen. Mit Freund_innen, die Heiler_innen sind, behandeln wir uns gegenseitig. Ich liebe es, Zeit in der Natur mit Spazierengehen, Horchen, Beobachten zu beringen, zu Orten zu reisen, die meiner Seele gut tun. Ich verbringe Zeit mit unbekümmerten Menschen, mit denen ich viel lache. Ich bin eine richtige Sammlerin, was bewusste und farbenfrohe Erfahrungen angeht, und ich fühle mich in diesem Universum der gegenseitigen Verbundenheit getragen.

Wie arbeitest du zu Selbstfürsorge?
Meine professionelle und aktivistische Arbeit beinhaltet auf den Kontext abgestimmte Trainings und Workshops zu Selbstfürsorge und Wohlergehen: wie ist es mit unserem Aktivismus, unserem Sicherheitsgefühl und unserer Sicherheit verbunden und eng verknüpft. Die Workshops enthalten wichtige Elemente zu Geist-Körper-Seele. In meiner Arbeit geht es nicht darum, irgendwen zu reparieren oder uns selbst zu besser zu machen oder mehr oder weniger oder höher oder darum, mehr zu erreichen... es geht um Herzensweisheiten, darum uns anzunehmen, zu transformieren, zu akzeptieren, zu vergeben und in unseren Körpern und Seelen präsent zu sein. Es geht darum unsere Vertrautheit mit uns selbst zu vertiefen, indem wir reflektieren, Werkzeuge und Techniken ausprobieren, die uns dabei helfen können, unsere aufgewühlten Gedanken zu beruhigen, unser Atmen zu vertiefen und uns mit unseren Gefühlen, Gedanken und Körperhaltungen auf Orte der Freude und Präsenz einzulassen, wo wir uns entsprechend unserer inneren Werte bewegen. All diese Praktiken beinhalten ganzheitliche Methoden, die ich in den letzten Jahren entwickelt und mit tollen und großartigen Aktivist_innen weltweit geteilt habe. Sehr einfache Techniken, wie MUDRAS (Handhaltungen) können dabei helfen, Stress loszuwerden, unser Nervensystem zu verbessern und unsere beiden Gehirnhälften in Einklang zu bringen, Werkzeuge wie Fingergreifen oder verschiedene Körperbewegungen. Bei der Fürsorge für andere unterstützen einfache Berührungen Entspannung und laden zu mehr Innenraum ein. Wenn Spannung mit leichter Berührung entgegengewirkt wird, führt Loslassen zu einer neuen Leichtigkeit in unseren Körpern und Seelen und wir fühlen uns fähiger, kreativ zu sein und in Harmonie mit uns selbst und anderen zu leben.

Was sind deine Visionen in Bezug feministisches/ aktivistisches Wohlergehen?

Meine Vision ist es mehr und mehr Räume zu schaffen, wo Aktivist_innen mit verschiedenen Hintergründen zusammenkommen können, um zu verarbeiten, teilen, reflektieren, heilen und zu ihren Beziehungen, Familien, Organisationen und Communities zurückzukehren und diese zu transformieren. Es geht darum, die Bedingungen zu schaffen, die Heilen und Wachstum begünstigen. Besonders geht es um die Art, wie wir mit Aktivist_innen gemeinsam geschaffene Räume teilen – durch die zärtliche Atmosphäre, die wir mit ihnen und für sie schaffen. Letztendlich ist eine heilende Präsenz eine Art, mit anderen Menschen zu sein, um eine heilende Beziehung aufzubauen. Um eine heilende Präsenz zu entwickeln, müssen wir vor allen Dingen aufmerksam für die Art sein, wie Menschen auf uns reagieren. Statt darauf fokussiert zu sein, was wir anderen anzubieten haben, können wir aufmerksam dafür werden, wie andere auf unsere Angebote reagieren. Mir sind die Gefühle anderer so wichtig wie meine eigenen. Es geht darum, den Raum und den Willen zu schaffen, unsere Seelen auf die Seelen anderer abzustimmen... dann wird Aktivismus zu einem zweitrangigen Thema, weil unser Aktivismus nur ein Spiegel unserer eigenen Innenwelten, Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen ist... und innerhalb unserer Frauenbewegungen oder LSBTIQ-Bewegungen müssen wir in den Ozean der Zärtlichkeit und die wilde Intelligenz unserer Körper und deren Fähigkeit zu heilen eintauchen, um mehr Vertrauen darin zu entwickeln, zerbrochene Beziehungen, Organisationen und Communities zu transformieren und uns auf die Revolution von reflektierterem, behutsamerem, inspirierenderem, freudigerem Wohlergehen von unseren Organisationen und Bewegungen zuzubewegen.


Weitere Informationen zu Sandra Ljubinkovic
Sandra (MSc in Gender, Rights and Development) ist feministische Aktivistin mit mehr als 15 Jahren professioneller Erfahrung in Frauen- und Minderheitenrechten. Beruflich kommt sie aus der feministischen Beratung, Advocacy- und Lobbyarbeit, Organisationsentwicklung, Community-Building, Entwicklung und Durchführung von Trainings für verschiedene Akteur_innen. Sandra zieht ihr umfangreiches Wissen und ihre Erfahrung aus Community-Organizing, Kampagnen, Leitung von Organisationen, Netzwerken, Entwicklung und Durchführung von Trainings zu Integrated Security und Wohlergehen von Frauenrechtsaktivist_innen auf der ganzen Welt. In letzter Zeit hat sie aktiv Frauenrechtsaktivist_innen darin unterstützt Beziehungen untereinander weltweit aufzubauen, die immer noch miteinander vernetzt sind, Strategien planen, sich empowern, Gesellschaft verändern und gegenseitig ihr Leben, Communities und Bewegungen bereichern.
Sandra ist auch Mitglied des Internationalen Beirats von BRIDGE am Institute of Development Studies in Großbritannien.

In einfacheren Worten, Sandra ist ein freier Geist, Reisende, Vagabundin und genießt ihr Leben in allen Formen in dem Wissen, dass wir mehr sind als unsere Körper, Gedanken, Emotionen, Konzepte und Begehren... Ihr tiefer Wunsch sich mit dem bedingungslosen Sein zu verbinden, das unser endloses Potential ist, erlaubt es ihr, die Dinge geschehen zu lassen, die geschehen :))


Kontakt: sandra.ljubinkovic@gmail.com


Zusätzliches Material (auf deutsch):
Jane Barry and Jelena Đorđević: Was heißt denn hier Revolution, wenn wir nicht tanzen können? (Übersetzt von Claudia Bollwinkel und Svenja Genthe)

Zusätzliches Material (auf englisch):
TEN INSIGHTS to strengthen response for women human rights defenders at risk

Wellness, Self-Care and Security - Why This is Important to Feminism (Text von AWID)

Front Line Defenders, Ireland (Kontakt für Menschenrechtsaktivist_innen, die Unterstützung brauchen)

English version:


How do you practice self-care?

Living self-care and healing practices is the result of more then 15 years of learning, training, researching, self-examinations on the path of well being and personal development. I practice myself and with group qigong, meditation, Reiki, i practice energo-healing techniques, touch for health. I sleep long hours when i feel i need it. I exchange treatments with my friends  who are healers.  I love spending time in nature walking, listening, observing, traveling to places that uplift my Spirit, i'm spending time with light hearted people with whom i laugh a lot,  i'm a real collector of mindful and colorful experiences and i feel carried in this Universe of interconnectedness.

What work are you doing around self-care?

My professional and activist work includes tailored made trainings, workshops around self-care and well-being, how it is connected and deeply inter-related to our activism and safety and security, integrating crucial mind-body-soul elements into the trainings. This work is about not about fixing anyone, or make ourselves better, or more, or less, or higher, or achieving more…it's about heart wisdom, embracing, transforming, accepting, forgiving and being present in our bodies and souls. It's about deepening intimacy with ourselves by reflecting, trying tools and techniques that can help calm our racing minds, deepen our breathing, and attune our emotions,mind and body adjustments to our places of Joy, presence, where we are moved by our inner values. All these practices include integral methodology that i have been developing over the years and sharing with amazing and outstanding activists around the world.  Very simple techniques like MUDRAS (hand postures) can help release stress, optimize our nervous system and harmonize both our brain hemispheres, tools as fingers holds and various body movements. When caring for others, simple hands-on techniques support relaxation, inviting more spaciousness inside. When tension is contacted with gentle touch, release leads to new ease in our bodies and spirits, and we become more capable of being creative and living harmoniously with ourselves and others.

What are your visions regarding feminist/ activist well-being?

My vision is creating more and more spaces where activists of all backgrounds can come together to process, share, reflect, heal, and go back to their relationships, families, organizations, communities and transform. It's about creating the conditions that promote healing and growth. Especially, it's about very way of being with activists in the common created spaces— through the tender atmosphere we create with and for them. Ultimately, healing presence is a way of being with other people in order to create a healing relationship. To develop healing presence, above all else, we must pay attention to the way people respond to us. Instead of being focused on what we have to offer, we can be aware on how others respond to our offering. I care about the feelings of others as much as I care about my own feelings. It's about creating space and willing to fine-tune our souls to the souls of others…then activism comes as secondary topic, since our activism is only a mirror of our own inner worlds, emotions, memories, experiences….and within our women's rights movements, or LGBTIQ movements, we need to dive into the ocean of tenderness and wild intelligence of our bodies, their capacity to heal and develop more trust in transforming broken relationships, organizations and communities and move to the revolution of more reflective, gentle, inspiring, joyful well-being of our organizations and movements.


More information about Sandra Ljubinkovic
Sandra, MSc in Gender, Rights and Development, is a feminist activist with more than 15 years of relevant professional experience in women's and minority rights. Her professional background is in feminist counseling, advocacy and lobbying, organizational development, community building, developing and delivering trainings for various stakeholders. Sandra draws her extensive knowledge and experience from community organizing, advocacy campaigns, managing organizations, networking and developing , managing and delivering trainings and expertise in developing and delivering trainings on Integrated Security and activists' well-being for women's rights defenders around the world. She has been actively supporting networking and facilitating relationships with diverse women's rights defenders throughout the world where they continue connecting, strategizing, empowering, transforming, and contributing to each others lives, communities and movements.
Sandra also serves as a member of the International Advisory Committee for BRIDGE at the Institute of Development Studies in the United Kingdom .

In a simple words, Sandra is free spirit, traveler, vagabond, enjoying life and experiences in all it's forms knowing that we are more then just our bodies, thoughts, emotions, concepts, desires…. Her deep commitment to access the unconditional Being that is our endless potential is bringing her to allow what wants to happen :))


Contact: sandra.ljubinkovic@gmail.com


Additional Ressources:
TEN INSIGHTS to strengthen response for women human rights defenders at risk

Jane Barry and Jelena Đorđević’s book: “What is the Point of Revolution if we Can’t Dance?”
 
Wellness, Self-Care and Security - Why This is Important to Feminism (Text von AWID)

Front Line Defenders, Ireland (Kontakt für Menschenrechtsaktivist_innen, die Unterstützung brauchen)

Montag, 20. Januar 2014

Wohlergehen: Der Ort, an dem Veränderung stattfindet (Teil 2)

Interview mit Sandra Ljubinkovic 

Teil 1 zu der Bedeutung von Selbstfürsorge

Übersetzung des Interviews von mir
English version below


Welche Verbindungen zwischen Selbstfürsorge und (feministischem) Aktivismus siehst du? (Warum denkst du, dass es ein wichtiges feministisches Thema ist? Welche Schwierigkeiten gibt es?)

Wie ich weiter oben bereits gesagt habe, ist unsere Kultur des Aktivismus in den meisten Teilen der Welt eine Kultur der „Aufopferung“. Wir opfern unsere Zeit, unseren Raum, unsere Kolleg_innen, Organisationen und Emotionen dafür, in der „vordersten Reihe“ zu sein, „gegen“ etwas zu kämpfen. Aktivist_innen sind nicht gut darin, in ihren eigenen Leben, zwischenmenschlichen Beziehungen, Familien und Organisationen wirklich „präsent“ zu sein, da sie damit beschäftigt sind, äußere Probleme zu lösen. Ein ganzheitlicher Zugang zu Körper-Geist ist notwendig, um alle Aspekte unseres Lebens miteinander zu verbinden: körperlich, geistig, emotional und spirituell. Viele Aktivist_innen sind durch Überstunden, Konflikte, Verluste und dem Gefühl, die Welt retten zu müssen, überfordert. Außerdem sind sie Gewalt und Bedrohungen ausgesetzt sowie zahllosen stressvollen und traumatisierenden Ereignissen. Diese Ereignisse drehen sich um einen Verlust von Verbundenheit – mit uns selbst, mit unseren Körpern, mit unseren Familien und der Welt um uns herum. Dieser Verlust an Verbundenheit lässt sich häufig nur schwer wahrnehmen, weil er nicht auf einmal passiert. Er kann langsam stattfinden, mit der Zeit, und wir passen uns an die subtilen Veränderungen an, ohne sie zu bemerken.

Warum ist es jetzt relevant?

Nachdem ich in den letzten zehn Jahren mit Aktivist_innen weltweit zu Selbstfürsorge und Wohlergehen gearbeitet habe, haben Aktivist_innen langsam damit angefangen, ihre eigenen Bedürfnisse zu definieren – was sie machen, um sich sicher und wohl zu fühlen.

Safe spaces: wirklich geschützte Räume: körperlich, emotional, spirituell, wo sie hinkommen können, sich ausruhen können und sich erlauben können zu fühlen – sich mit sich selbst und miteinander und mit der Welt um sie herum zu verbinden und ihr mit ihrer neuen Aufmerksamkeit für ihre Gedanken, Handlungen, Wahrnehmungen und Bewertungen zu begegnen. Es geht um den Raum zusammenzukommen und sich eine Pause von der Intensität der Arbeit zu gönnen.

Beziehungen aufbauen: In der Arbeit zu Selbstfürsorge und Wohlergehen und in den Verbindungen zu unserem Aktivismus haben in den Workshops und Trainings, die wir angeboten haben, die Aktivist_innen hervorgehoben, dass sie in diesen Räumen ihre Masken abnehmen konnten und eine tiefergehende Verbundenheit mit sich selbst und ihren aktivistischen Communities aufbauen konnten. Das führt zu authentischer Solidarität und Unterstützung, die ohne Bewertungen, eigenen Agendas oder Bedingungen ist.

Zeit: um zu entschleunigen, zu reflektieren, sich auszuruhen, das eigene Leben, die Arbeit, Sicherheit und das Wohlergehen zu analysieren.

Selbstfürsorge ist für viele Aktivist_innen verwirrend, beunruhigend und beängstigend – weil es unvertraut und unbequem ist und zum Kern dessen vordringt, wer wir als Aktivist_innen sind. Aktivist_innen werden selten gefragt, wie es ihnen geht, ob sie irgendetwas brauchen, wie ihre „inneren geheimen Welten“ aussehen. Im Gegenteil – sie sollen sich um ihre Klient_innen, Kolleg_innen, Organisationen und Communities kümmern und an den größeren Bewegungen teilnehmen; standhalten, wenn es schwer wird; in der vordersten Reihe sein, wenn nötig; und niemals Zeit zum Verlangsamen, Ausruhen oder sogar Anhalten haben... weil die Welt um sie herum so bedürftig ist und sie den Eindruck haben, dass alles zerfällt, wenn sie nicht da sind, um sich um diese Bedürfnisse zu kümmern. Irgendwer wird sterben. Organisationen werden geschlossen. Irgendwer könnte in Gefahr sein. Irgendwer könnte mehr Aufmerksamkeit, Hilfe oder Zuwendung als ich brauchen?! Die Weisheit liegt darin zu erkennen, dass wir nicht immer die beste Ressource für andere sind, einschließlich unserer Kinder, Partner_innen, Freund_innen oder Kolleg_innen. Hilfreich sein – eine heilsame Atmosphäre schaffen – braucht sehr viel respektvollen und sensiblen Umgang mit unseren eigenen Verletzlichkeiten und denen von anderen. Die größte Herausforderung ist nicht so zu tun, als wären wir niemals unzulänglich und unverletzbar. Die Wichtigkeit von Selbstfürsorge besteht im experimentellen Lernen (einschließlich dem Verlernen von alten Mustern und dysfunktionalen, aber tief verankerten Werten, während wir verfeinerte und lebensbejahende Werte und Fähigkeiten (wieder) lernen) und in der Unterstützung von anderen Aktivist_innen und Leitungskräften in den Organisationen darin, die Kulturen der Organisationen und Bewegungen zu verändern.

Warum Selbstfürsorge ein wichtiges aktivistisches Thema ist?
Weil es an sich schon etwas Radikales hat – du brauchst eine emotionale Grundlage, um Entscheidungen in Bezug auf Gesellschaft zu treffen. Meine Mit-Aktivistin Lepa Mladjenovic aus Serbien kontextualisiert das Verhältnis von Aktivist_innen zu ihren Emotionen in der tausend Jahre alten Geschichte des Patriarchats, wo uns gelehrt wurde, Vernunft wichtiger als Gefühl zu bewerten. Weil Vernunft mit Männlichkeit (and ich würde ergänzen mit dem „aktiv/machen-Prinzip“) verbunden wird und Gefühl als weiblich (und ich würde ergänzen als „fügsam/sein-Prinzip“) gesehen wird und deswegen in den sozialen Kontexten unserer Welt geringer angesehen wird. Das bedeutet, dass viele Kulturen die Bedeutung unserer Gefühle irgendwie abwerten... zusätzlich sind viele Aktivist_innen Mehrfachdiskriminierungen ausgesetzt, die zu einer weiteren Fragmentierung unserer Gefühlswelten führen. Für mich ist „Sein“ nichts Passives, sondern es geht darum den Raum zu schaffen, um anzuhalten und zu reflektieren sowie Gefühle zu fühlen, sie entfalten zu lassen, anzunehmen und zu transformieren. Das bedeutet nicht, dass es ohne Bewegung stattfindet... es bedeutet eine aufmerksame Beobachtung unserer Gedanken, Gefühle, Muster, Programme, Konzepte... diese anzunehmen und sich weiter zu bewegen.

In meiner Erfahrung als Aktivistin und eine Person, die mit Aktivist_innen weltweit arbeitet, nehme ich wahr, dass wir den Raum öffnen könnten, um pro-aktiver mit uns und der Welt zu sein. Langsam findet es mehr und mehr in verschiedenen Netzwerken, Bündnissen, Organisationen und bei einzelnen Aktivist_innen statt, dass sie an Selbstfürsorge und Wohlergehen arbeiten.

Was meinst du mit pro-aktiv?

Einfach gesagt geht es für mich bei pro-aktiv darum, Räume und die Bereitschaft/Offenheit zu schaffen, die Verantwortung für dich selbst und dein eigenes Leben zu übernehmen, wenn deine Reaktionen bewusst sind und aus einem aufmerksamen Umgang heraus passieren und nicht von vorherigen Erfahrungen oder äußeren Umständen geprägt sind. Je mehr wir daran arbeiten unser Bewusstsein zu schärfen, desto weniger werden wir von vorherigen Erfahrungen geprägt und desto mehr Möglichkeiten haben wir, unsere eigenen Reaktionen zu wählen anstatt auf die automatischen zurückzugreifen (die sich so anfühlen, als würde wer auf unsere empfindlichen Stellen drücken).

Ich hab Aktivist_innen zu der Frage von nachhaltigem Aktivismus, Selbstfürsorge und Wohlergehen interviewt und viele von ihnen haben gesagt, dass der Moment, als sie gelernt haben, in sich selbst zentriert zu sein, als sie sich mit ihren eigenen Quellen verbunden fühlten, als sie nach emotionalen Achterbahnfahrten zu ihrem eigenen Zentrum zurückkehrten, der Punkt ist, an dem Veränderung (persönlich, in der Organisation und in der Welt) stattfindet.

Wenn wir weiter daran arbeiten, Räume zu schaffen, um uns auf die (innere) Welt mit Verbundenheit, Akzeptanz, Aufmerksamkeit, Mitgefühl, Zuneigung, Resonanz, Liebe und Freude zuzubewegen und wir nicht weiter daran arbeiten, Schmerz, Scham, Schuld, Wut, Entfremdung, Anspannung, Erschöpfung und Ignoranz zu re-kreieren, dann sind wir auf dem Weg, uns selbst, unsere Organisationen, unsere Communities und die Welt zu transformieren.

Teil 3 zu Visionen von feministischem Wohlergehen


Weitere Informationen zu Sandra Ljubinkovic
Sandra (MSc in Gender, Rights and Development) ist feministische Aktivistin mit mehr als 15 Jahren professioneller Erfahrung in Frauen- und Minderheitenrechten. Beruflich kommt sie aus der feministischen Beratung, Advocacy- und Lobbyarbeit, Organisationsentwicklung, Community-Building, Entwicklung und Durchführung von Trainings für verschiedene Akteur_innen. Sandra zieht ihr umfangreiches Wissen und ihre Erfahrung aus Community-Organizing, Kampagnen, Leitung von Organisationen, Netzwerken, Entwicklung und Durchführung von Trainings zu Integrated Security und Wohlergehen von Frauenrechtsaktivist_innen auf der ganzen Welt. In letzter Zeit hat sie aktiv Frauenrechtsaktivist_innen darin unterstützt Beziehungen untereinander weltweit aufzubauen, die immer noch miteinander vernetzt sind, Strategien planen, sich empowern, Gesellschaft verändern und gegenseitig ihr Leben, Communities und Bewegungen bereichern.
Sandra ist auch Mitglied des Internationalen Beirats von BRIDGE am Institute of Development Studies in Großbritannien.

In einfacheren Worten, Sandra ist ein freier Geist, Reisende, Vagabundin und genießt ihr Leben in allen Formen in dem Wissen, dass wir mehr sind als unsere Körper, Gedanken, Emotionen, Konzepte und Begehren... Ihr tiefer Wunsch sich mit dem bedingungslosen Sein zu verbinden, das unser endloses Potential ist, erlaubt es ihr, die Dinge geschehen zu lassen, die geschehen :))

Kontakt: sandra.ljubinkovic@gmail.com



English version

Part 1 on the importance of self-care

How do you see self-care connected to (feminist) activism? (Why do you think it is an important activist issue? What are some difficulties?)

As i was mentioning above, our culture of activism is in the most parts of the world - the culture of "sacrifice". We are sacrificing our time, space, colleagues, organizations, emotions by being on the "front lines", fighting "against", activists are misattuned to be really "present" in their own lives, inter-personal relationships, families, organizations by solving all the outer problems of the world. An integrated mind-body approach is necessary for connecting all aspects of our lives: physical, mental, emotional and spiritual. Many activists are overwhelmed by over the clock working hours, conflicts, loss, saving the world and they are exposed to violence and harassment and to countless stressful and traumatic events. These events are about loss of connection - to ourselves, to our bodies, to our families and to the world around us. This loss of connection is often hard to recognize, because it doesn't happen all at once. It can happen slowly, over time, and we adapt to subtle changes sometimes without even noticing them.

Why is it relevant now?

Having been working  in the last 10 years, with activists from around the world on self care and well-being, activists themselves were slowly defining their own needs - what do they do in order to stay safe and well.
SAFE SPACES: truly safe spaces: physically, emotionally, spiritually, where they can come, rest and allow themselves to FEEL - to connect to themselves and each other and the world around them with the new awareness of their thoughts, actions, perceptions and judgements.  It  is about the space to come together and get a break from the intensity inherent in their work.
BUILDING RELATIONSHIPS: work on self-care and well-being and the connection to our activism, in the shape of the workshops and trainings that we were providing for activists, they were highlighting that in this spaces they managed to take their masks off and connect on a deeper level with themselves and their activist community. It brings them to authentic solidarity, support that is without judgement, agendas or strings.
TIME:  to slow down, stop, reflect, rest, assess their personal lives, work, safety and well-being.

Self care is  for many activists very confusing, disturbing and scary - because it remains unknown and uncomfortable and it cuts to the essence of who we are as activists.  Activists are very rarely asked how they feel, if they need anything, how their "inner subtle world" looks like. On the contrary - they are supposed to care for their clients, colleagues, organization, communities, to take part in the bigger movements, to hold when it's hard, to be on the front lines when needed,  and never-ever have time to slow down, rest, or even stop…. because the world around them is so needy and it gives the impression that if they are not there to fill in all those needs - everything will fall apart. Somebody will die. Organization will be shut down. Somebody might be in danger. Somebody needs more attention, help, affection than ME?!  The height of wisdom is to recognize that we are not always the best resource for someone else, including our own children, our partners, or our friends and colleagues. Being helpful—creating a healing aura—requires enormous respectfulness and sensitivity to our own vulnerabilities, and also to those of others. The biggest challenge is when we're pretending to ourselves to be unfailingly adequate and invulnerable.  The importance of self-care, we can see as experiential learning (including un-learning old patterns and dysfunctional but deeply held values while re-learning more refined and life-affirming values and skills) and very important the power of support by other fellow activists and leaders in the organizations to change the cultures of organizations and movements.

Why self-care is an important activist issue?
Because it is radical notion by itself - you need to have emotional basis in order to make choices related to society. My fellow activist Lepa Mladjenovic from Serbia contextualizes activists' relationships with our emotions within the thousand of years of patriarchy that has taught us to value reason over emotion. Because reason is associated with masculinity (and i would add with the "active/DOING principle") and emotion is seen as feminine (i would add "compliant/BEING principle") and therefore less valued in the social contexts around the world. This means that many cultures somehow diminish the significance of emotions… in addition, many activists face multiple discriminations which cause further fragmentation of our emotional realities. I see "Being" not as passive but as creating space to stop and reflect and allow the space for emotions to feel, unfold and embrace and transform. It doesn't mean without movement… it means careful observation of our thoughts, emotions, patterns, programs, concepts… embracing them and moving on.

In my experience, being an activist myself and working with activists around the world, i see we could open the space to be more proactive with ourselves and the world. It is happening slowly more and more in various networks, coalitions, organizations and with individual activists working on self care and well-being.

What do you mean by proactive?

Simply put, for me, proactive is about creating space and readiness/openess to take responsibility for yourself and your own life, when your reactions are mindful and are coming from awareness and they are not determined by the previous experiences or outside circumstances. The more we work on  raising our own Cousciousness, we will be less determined by previous experiences and we will be readier to choose our own reactions instead of automatic ones (feeling that someone is "pressing our buttons").

I was interviewing activists around the issues of sustaining activism, self-care and well being and many of them were saying when they learned to feel 'centered' in their own being, when they felt connected with their own inner sources, when after many emotional roller-coasters they came back to their own center, that THIS IS the point where (personal, organizational, and world) change happens.

If we continue to create spaces to approach the (inner) world from point of connection, acceptance, attention, empathy, affection, resonance, love and joy and we work to no longer re-create pain, shame, guilt, anger, detachment, tension, fatigue and ignorance, then we are on our way to transform ourselves, organizations, communities and the world.

Part 3 on visions of feminist well-being


More information about Sandra Ljubinkovic
Sandra, MSc in Gender, Rights and Development, is a feminist activist with more than 15 years of relevant professional experience in women's and minority rights. Her professional background is in feminist counseling, advocacy and lobbying, organizational development, community building, developing and delivering trainings for various stakeholders. Sandra draws her extensive knowledge and experience from community organizing, advocacy campaigns, managing organizations, networking and developing , managing and delivering trainings and expertise in developing and delivering trainings on Integrated Security and activists' well-being for women's rights defenders around the world. She has been actively supporting networking and facilitating relationships with diverse women's rights defenders throughout the world where they continue connecting, strategizing, empowering, transforming, and contributing to each others lives, communities and movements.
Sandra also serves as a member of the International Advisory Committee for BRIDGE at the Institute of Development Studies in the United Kingdom .

In a simple words, Sandra is free spirit, traveler, vagabond, enjoying life and experiences in all it's forms knowing that we are more then just our bodies, thoughts, emotions, concepts, desires…. Her deep commitment to access the unconditional Being that is our endless potential is bringing her to allow what wants to happen :))

Contact: sandra.ljubinkovic@gmail.com

Sonntag, 19. Januar 2014

Wohlergehen: Der Ort, an dem Veränderung stattfindet (Teil 1)

 Interview mit Sandra Ljubinkovic


Sandra und ich haben uns über eine weltweite Mailingliste kennengelernt, die Menschen untereinander vernetzt, die Retreats/ Selbstfürsorge-Workshops für Aktivist_innen anbieten oder Retreat Centers aufbauen möchten. Letzten November konnten wir uns endlich persönlich kennenlernen und haben stundenlang über unsere Visionen geredet und uns gegenseitig in unserer Kritik an teuren Entspannungswochenenden für Frauen wiedererkannt. Ich freue mich, dass Sandra ihre jahrzehntelangen Erfahrungen auf meinem Blog teilt.

Die Übersetzung des Interviews ist von mir.

English version below


Sandra, stell dich doch kurz vor.
 In den letzten zehn Jahren habe ich mit Kolleg_innen auf der ganzen Welt das Konzept von Integrated Security (integrierter Sicherheit) und Wohlergehen von Frauenmenschenrechtsaktivist_innen und LSBT-Rechtsaktivist_innen global entwickelt und damit gearbeitet. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz, der verständlich macht, welchen körperlichen und psychologischen Preis die Körper und Seelen von Frauenrechts- und LSBTIQ-Rechtsaktivist_innen zahlen müssen. Diese Arbeit baut auf der Initiative, geteilten Erfahrungen, Konzepten und Werkzeugen auf, die von Individuen, Aktivist_innen und Organisationen entwickelt wurden. Es geht darum, Aktivist_innen, Organisationen und Bewegungen zu stärken, mit der Perspektive, dass die Gesundheit (körperlich, geistig, emotional und spirituell) und die Sicherheit von Frauenrechtsaktivist_innen und LGBTIQ-Aktivist_innen untrennbar mit eben diesen Communities, Organisationen und Bewegungen verbunden sind.


Was bedeutet Selbstfürsorge/ Wohlergehen für dich?

Ich habe immer daran geglaubt, dass wir mehr als die Summe unserer Körperteie sind. Bevor ich Aktivistin wurde, habe ich als Physiotherapeutin mit professionellen Sportler_innen in Serbien gearbeitet, was mittlerweile mehr als 18 Jahre her ist. Ich hab gesehen, wie erfolgsorientierte Menschen die besten Ergebnisse mit ihren Körpern erzielen wollten, wie sie ihre Körper mit endlosen Stunden von Training gefoltert und ausgelaugt haben und sie waren komplett unverbunden mit ihrem Geist und ihrer Seele. Als ich in den 90ern in den feministischen Aktivismus in Serbien eingetaucht bin, war die Situation das genaue Gegenteil – die meisten Aktivist_innen lebten in ihrem Kopf/ Geist, komplett unverbunden mit ihren Körpern und Seelen. Viele Jahre an Selbsterforschung und Selbstreflektion haben mich zu den verschiedensten Orten auf dem Planeten gebracht, es hat mich an die Grenzen von Wissenschaft, Energiearbeit, Heilen, Selbstheilen und Spiritualität gebracht. Ich bin gereist, hab verschiedene Techniken erforscht, die alle Aspekte unserer Seins miteinander verbinden... Ich bin durch meinen eigenen Heilprozess gegangen... und hab dabei gelernt, alles, was ich bin, anzunehmen, alle Wunden, Ängste, Erwartungen; dabei hab ich meine Sicherheiten verändert oder verloren; bin da geblieben, wenn mich Konflikte immer weiter herausgefordert haben; hab losgelassen und mich weiter bewegt; hab mich traurig, wütend und freudvoll gefühlt; hab mich in der Gesellschaft von anderen Aktivist_innen unsicher gefühlt; hab die Angst gespürt, von anderen zurückgewiesen zu werden, wenn ich es ihnen nicht recht mache; hab mich von Menschen verraten gefühlt, denen ich vertraut habe; hab mein eigenes Potential angenommen, meine Schattenseiten; hab meine Vergangenheit und meine Verluste betrauert; hab mehr gegeben, als ich eigentlich konnte; hab mich schuldig gefühlt, weil ich mir frei genommen hab; hab Fehler gemacht und Erfolge gehabt und endlich gewusst, was ich will...

Selbstfürsorge oder Wohlerfehen bedeutet für mich ganz zu sein, den Raum zu haben oder zu schaffen mich selbst tiefer kennenzulernen, bis an den Kern, durch meine eigenen Begrenzungen, Vorurteile, inneren Kritiker_innen, Ängsten, Traumas, Wut, Wunden, Schmerz hindurchzugehen und mir selbst den Raum zu erlauben zu trauern, loszulassen, alles anzunehmen, willkommen zu heißen ohne Bewertung, ohne daran zu denken, was andere denken könnten, es in der Fülle zu fühlen, zu weinen und die tiefgreifende Erfahrung zu machen gehalten zu werden, mehr Vertrauen zu haben, keine Angst zu haben zu stoppen oder zu reflektieren, nicht neurotisch durch Aktivismus und das Leben zu rennen, weil ich denke, dass, wenn ich es nicht mache, ich „weniger Aktivist_in“ oder „nicht gut genug“ bin oder mich schuldig fühle, weil die Welt untergehen würde, wenn ich mir frei nehme oder wenn ich für einen Moment innehalte... Unsere neurotische Angst hält uns an weiterzumachen, laugt uns aus, verbrennt uns, voller Angst und Beschuldigungen und vergiftet unsere Beziehungen.

Auf meinem eigenen Weg von Heilung und persönlichem Wachstum als Aktivistin und Menschenrechtlerin hab ich mir erlaubt anzuhalten. Für drei Monate. Und weißt du was? Die Welt ist nicht untergegangen. Sie hat sich weiter bewegt. Nur ich hab angehalten. Etwas an dieser Nicht-Bewegung war so aufregend... irgendeine neue Qualität ist in dieser „Stille“ und „Nicht-Bewegung“ entstanden. Ich war sehr fasziniert von diesen inneren „Bewegungen“... ich konnte meine Ängste, meine Schuldgefühle, meine Wut, meine Wunden sehen und sie bis in ihren Kern erspüren, ohne sie zu verurteilen... ich hab verstanden, dass es meine verwundeteten Teile waren, die mich eingeladen haben, sie anzunehmen und zu heilen.

Viele Aktivist_innen, mit denen ich gearbeitet habe, wissen, dass ihre Körper mehr sind, als sie sich bislang getraut haben zu erkunden. Sie wissen, dass sie ihren Körper, Geist und Seele (falsch) behandeln und ihren Schmerz jahrelang mit sich herumtragen und festhalten. Manchmal ist Schmerz da, um von ihm zu lernen, um durch ihn hindurch zu gehen und ihn anzunehmen. Ich mag das Wort „verletzte_r Heiler_in“ welches sich psychologisch bezieht auf „die Fähigkeit mit dem Leiden zuhause zu sein und dort Möglichkeiten der Regeneration zu finden“. Durch unsere Wunden hindurchzugehen bedeutet zu realisieren, dass wir nie wieder die gleichen sein werden, wenn wir auf der anderen Seite des Prozesses ankommen. Durch unsere Wunden lernen wir einen Teil von uns kennen, der nicht verwundet ist. Unsere Wunden sind dann nicht das Hindernis zu unserer Ganzheit, sondern ein Ausdruck davon, da wir ohne unsere Wunden nicht den Teil von uns kennengelernt hätten, der ganz, frei, geheilt und aufmerksam ist.

Es kann so viel Freude bringen, mit deinem Körper verbunden zu sein, durch all deine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen hindurch zu gehen und sie anzunehmen, die uns mit unserer Spiritualität in Verbindung bringen. Wenn sich Aktivist_innen auf „Selbsterfahrung“ einlassen, dann realisieren sie häufig versteckte Potentiale, was eine sehr aufbauende Erfahrung ist.

Teil 2 zu Verbindungen zwischen Selbstfürsorge und Aktivismus
Teil 3 zu Visionen von feministischem Wohlergehen 



Weitere Informationen zu Sandra Ljubinkovic
Sandra (MSc in Gender, Rights and Development) ist feministische Aktivistin mit mehr als 15 Jahren professioneller Erfahrung in Frauen- und Minderheitenrechten. Beruflich kommt sie aus der feministischen Beratung, Advocacy- und Lobbyarbeit, Organisationsentwicklung, Community-Building, Entwicklung und Durchführung von Trainings für verschiedene Akteur_innen. Sandra zieht ihr umfangreiches Wissen und ihre Erfahrung aus Community-Organizing, Kampagnen, Leitung von Organisationen, Netzwerken, Entwicklung und Durchführung von Trainings zu Integrated Security und Wohlergehen von Frauenrechtsaktivist_innen auf der ganzen Welt. In letzter Zeit hat sie aktiv Frauenrechtsaktivist_innen darin unterstützt Beziehungen untereinander weltweit aufzubauen, die immer noch miteinander vernetzt sind, Strategien planen, sich empowern, Gesellschaft verändern und gegenseitig ihr Leben, Communities und Bewegungen bereichern.
Sandra ist auch Mitglied des Internationalen Beirats von BRIDGE am Institute of Development Studies in Großbritannien.

In einfacheren Worten, Sandra ist ein freier Geist, Reisende, Vagabundin und genießt ihr Leben in allen Formen in dem Wissen, dass wir mehr sind als unsere Körper, Gedanken, Emotionen, Konzepte und Begehren... Ihr tiefer Wunsch sich mit dem bedingungslosen Sein zu verbinden, das unser endloses Potential ist, erlaubt es ihr, die Dinge geschehen zu lassen, die geschehen :))


Kontakt: sandra.ljubinkovic@gmail.com



English version:



Sandra, tell us something about yourself
 In the last 10 years i have been developing and working with other colleagues from around the world on the issue of Integrated Security and Well-being of Women's Human Rights Defenders-(W)HRD and LGBT rights defenders globally. It's a holistic approach that offers understanding the importance of physical and psychological toll that human rights defense has taken on women's and LGBTIQ defenders bodies and spirits. This work has built on initiatives, shared experiences, concepts and tools developed by individuals, defenders and organizations. It is about sustaining activists, organizations and movements through the lenses that the health (physical, mental, emotional and spiritual) and safety of WHRD and LGBTIQ defenders/activists  that are inseparably linked to these same communities, organizations and movements.

What does self-care/ well-being mean to you?
I have always believed that we are more than just a sum of our body parts. Before i became an activist, i worked as physiotherapist with professional sport players in Serbia which is now more than 18 years ago. i have witnessed how high achievers were trying to achieve best results with their bodies, they were torturing and exhausting their bodies with endless hours of training, exercising and they were totally disconnected from the mind and spirit. Once i jumped into feminist activism in Serbia in the '90s, the situation was exactly the opposite - most activists were living in their head/mind, totally disconnected from their bodies and spirits. For many years, self-research and self-inquiry brought me to the various places on the planet, it brought me to the edge of science, energo-work, healing, self-healing and spirituality. I was traveling, researching various techniques that integrate all aspects of our being… i went through my own personal healing journey… learning to embrace all who i am, all wounds, fears, expectations, changing or loosing the safety, staying when conflicts kept challenging me, letting go and moving on, feeling sad, angry or joyous, feeling unsafe in company of fellow activists, feeling the fear of rejection by others if i don't please them, betrayal by the ones i trusted, embracing my own potential, my shadow side, grieving the past or any loss, giving more than i could handle, feeling guilty if i take time off, failing or succeeding and finally knowing what i want….

Self-care or well-being for me means being whole, having and creating space to get to know myself deeper, to the core, walk through my own limitations, prejudices, inner critic, fears, traumas, anger, wounds, pain, allowing myself space to grief, let it go, embrace all of it, welcome it without judgement, without thinking what other may think, feel it to the fullness, cry and feel that profound experience of being held, having more trust, not being afraid to stop and reflect, not neurotically run through activism and life because if you don't do it, then you are "less of an activist", or "not good enough", or feeling guilty when we take time off since this world will absolutely fall apart if we stop for a moment….Our neurotic fear keeps us running, makes us totally drained, burned out, tired,  full of anger, blame and intoxicates all our relationships.

On my own way of healing and personal growing as an activist, leader, human rights advocate, i allowed myself to stop. For 3 months. And you know what? the world did not fall apart. It was still moving. Only I stopped. There was something SO exciting in this non-movement… some new quality was emerging in this "silence" and "non movement". I was absolutely fascinated by this inner "movements"… i could see my fears, guilt, anger, wounds, feel them to the core, without judgement…. i understood that they were all my wounded parts that were inviting me to embrace them and to heal them.

Many activists I have worked with know that there is a lot more to their bodies than they have ever dared to explore. They know that they are (mis)treating their bodies, minds and Souls and carrying and holding their pain over the years. Sometimes pain is there to learn from it, to walk THROUGH it and embrace it. I like the word "Wounded Healer" which refers psychologically to "the capacity to be at home with the shadow of suffering and there to find gems to light and recovery". Going through our wound means realizing that we will never be the same again when we get to the other side of this initial process. Through our wound we are introduced to the part of ourselves that is NOT wounded. Our wound is then not the obstruction but the expression of our wholeness, as without wound we wouldn't be introduced to our part of us that is whole, free, healed and awake.

There is so much joy to be had from being in connection with your body, walking through and embracing all our thoughts and feelings, memories that brings us in connection with our spiritual nature. When activists open up for "self-experiencing" then they often realise how much hidden potential they have, which is a very uplifting experience.

Part 2 on connections between self-care and activism 
Part 3 on visions of feminist well-being


More information about Sandra Ljubinkovic
Sandra, MSc in Gender, Rights and Development, is a feminist activist with more than 15 years of relevant professional experience in women's and minority rights. Her professional background is in feminist counseling, advocacy and lobbying, organizational development, community building, developing and delivering trainings for various stakeholders. Sandra draws her extensive knowledge and experience from community organizing, advocacy campaigns, managing organizations, networking and developing , managing and delivering trainings and expertise in developing and delivering trainings on Integrated Security and activists' well-being for women's rights defenders around the world. She has been actively supporting networking and facilitating relationships with diverse women's rights defenders throughout the world where they continue connecting, strategizing, empowering, transforming, and contributing to each others lives, communities and movements.
Sandra also serves as a member of the International Advisory Committee for BRIDGE at the Institute of Development Studies in the United Kingdom .

In a simple words, Sandra is free spirit, traveler, vagabond, enjoying life and experiences in all it's forms knowing that we are more then just our bodies, thoughts, emotions, concepts, desires…. Her deep commitment to access the unconditional Being that is our endless potential is bringing her to allow what wants to happen :))

Contact: sandra.ljubinkovic@gmail.com



Montag, 6. Januar 2014

Sunday Dinner Table



Seit einem Jahr koche ich jeden ersten Sonntag im Monat ein Drei-Gänge-Menü für meine Freund_innen. Für mich ist das ein kleiner Beitrag zu feministischen caring communities. In meinem Verständnis von Repro-Arbeit gebe ich Energie in mir wichtige Menschen, die ihre Energie für andere Dinge verwenden oder deren Energie von anderen Dingen aufgebraucht wird.
In dem Retreat Center, das ich mit aufbauen möchte, gibt es in meinem Vorstellungen eine lange Holztafel, die in einer riesigen Wohnküche steht. Ich stelle mir dort Frühstückszenen vor, in denen ich vor Ahornsirup driefende Pancakes auf den Tisch stelle und mich dann mit in die herzenswarme Runde von Menschen setze.

Diese Sunday Dinner sind für mich auch eine Intervention in andere Dinner-Szenen, wie mir über das Lesen von Sara Ahmeds Texten klar wurde. Sie schreibt über die Anspannung, die es an Essenstischen häufig gibt, wenn alle mit den Augen rollen, wenn die_der "feminist killjoy" mal wieder – zum gefühlten hundersten Mal – in die vermeintlich lustige Anekdote interveniert, die mit diskriminierenden Wörtern und Stereotypen nur so gespickt ist.

My experience of being a feminist has taught me much about rolling eyes. This is why when people say the bad feeling is coming from this person or that person, I am never convinced. My skepticism comes from childhood experiences of being a feminist daughter in a relatively conventional family, always at odds with the performance of good feeling in the family, always assuming to be bringing others down, for example, by pointing out sexism in other people's talk. Say we are seated at the dinner table. Around this table, the family gathers, having polite conversations, where only certain things can be brought up. Someone says something that you consider problematic. You respond carefully, perhaps. You might be speaking quietly; or you might be getting "wound up," recognizing with frustration that you are being wound up by someone who is winding you up. The violence of what was said or the violence of provocation goes unnoticed. However, [they] speak, the feminist is usually the one who is viewed as "causing the argument," who is disturbing the fragility of peace.
(Sara Ahmed: The Promise of Happiness)
Meine Erfahrungen als Feministin haben mich sehr viel über Augenrollen gelehrt. Deshalb finde ich es nie überzeugend, wenn eine Person sagt, dass diese oder jene Person schlechte Stimmung verbreitet. Meine Skepsis stammt von frühen Kindheitserlebnissen als feministische Tochter in einer relativ konventionellen Familie, wo ich mich nie mit der Performance von guter Stimmung in der Familie wohl gefühlt hab und immer davon ausgegangen bin, dass ich andere runterziehe, wenn ich zum Beispiel auf Sexismus im Sprechen anderer hinweise. Stell dir vor, wir sitzen beim Abendessen. Um den Tisch herum ist die Familie versammelt, in höfliche Unterhaltungen versunken, in denen nur manche Dinge angesprochen werden können. Irgendwer sagt etwas, dass du problematisch findest. Vielleicht reagierst du vorsichtig. Vielleicht redest du mit ruhiger Stimme; oder vielleicht bist du ganz "aufgebracht" und nimmst deinen Frust darüber war, dass du ganz aufgebracht wegen einer Person bist, die dich auf die Palme bringt. Die Gewalt dessen, was gesagt wurde, oder die Gewalt der Provokation wird nicht wahrgenommen. Wie auch immer Feminist_innen sprechen, sie werden gewöhnlich als diejenigen angesehen, die eine Szene machen, als diejenigen, die den fragilen Frieden zerstören. (Übersetzung von mir)

Ich erinnere mich an Familienfeste, wo ich die nervöse Anspannung meiner Eltern förmlich spüren konnte, wenn sie sich innigst gewünscht haben, dass meine Verwandten mich bitte nicht fragen sollen, ob ich einen Freund hab, und ich bitte keine allzu ehrlichen Antworten geben soll. Wo ich die einzige Person in meinem Alter war, deren Einladung kein "+1" enthielt – egal welchen Herzensmensch ich dann mitgebracht hätte. Ich brauch andere Tische, an denen ich Platz nehmen kann.

Deswegen verbringe ich einen Sonntag im Monat in der Küche, wälze vorher Kochbücher und hab meine Telleranzahl verdoppelt. Ich lade eine Runde feministischer Spaßverderber_innen ein, um gemeinsam Spaß haben zu können. Wir achten gemeinsam darauf, eine Stimmung zu schaffen, mit der sich alle wohl fühlen, statt von anderen als diejenigen wahrgenommen zu werden, die schlechte Stimmung verbreiten. Wir versuchen füreinander Platz zu schaffen, um miteinander Platz nehmen zu können.

Sonntag, 1. Dezember 2013

Was Selbst_Fürsorge für mich NICHT ist

Eigentlich mag ich es nicht mehr, meine Texte in Abgrenzungen zu schreiben. Ich will mich nicht durchs Netz bewegen und andere Texte kritisieren. Das habe ich jahrelang an der Uni gelernt und von dem Nutzen profitiert, mich besser als andere zu fühlen, ohne selbst Alternativen anbieten zu müssen.
Allerdings begegne ich immer wieder Bildern von Selbst_Fürsorge, in denen ich mich und meine Gedanken nicht wiederfinden kann. Manchmal werden diese Bilder auch herangezogen, um diese dann zu kritisieren. Deswegen schreibe ich heute darüber, was Selbst_Fürsorge für mich NICHT ist.
Ich finde eine kritische Perspektive auf Selbst_Fürsorge wichtig, die den Zugang zu Ressourcen reflektiert, ohne zu behaupten, dass Selbst_Fürsorge nur etwas für privilegierte Menschen ist. Für mich geht es nicht darum, Selbstfürsorge oder gegenseitige Fürsorge zu kritisieren, sondern die Dinge, die diese Fürsorge notwendig machen.


Selbst_Fürsorge ist kein Aspirin Complex

Selbst_Fürsorge ist für mich keine Medizin, zu der ich greife, wenn ich mich erschöpft fühle. Für mich geht es bei Selbst_Fürsorge nicht um eine Liste an Wundermitteln, auf der ich mir je nach Bedarf das passende aussuche. Selbst_Fürsorge ist keine schnelle Lösung. Selbst_Fürsorge bedeutet für mich zu reflektieren, wie ich mein Leben gestalte, nach welchen Werten ich mich ausrichte und wie ich andere darin wahrnehme. Selbst_Fürsorge ist für mich eine Haltung, mit der ich Bedürfnisse, Kapazitäten und Grenzen von anderen und mir selbst wahrnehme und diese in Zusammenhang mit strukturellen Machtverhältnisse setze.
Fürsorge ist andere zu befähigen, sich handelnd und empowert in die Welt zu werfen. Fürsorge ist Selbstverhältnisse kritisch reflektierend zu ermöglichen und Weltverhältnisse in Frage zu stellen.
(Maureen Maisha Eggers in der Diskussion nach ihrem Vortrag "Pippi Langstrumpf – Emanzipation nur für weiße Kinder?", Zitat aus meinem Gedächtnis)


Selbstfürsorge ist keine Selbstpathologisierung

Ich schreibe hier bewusst Selbstfürsorge, weil ich denke, dass Fürsorge für andere auch pathologisierende und/ oder paternalistische Züge annehmen kann. Ich finde es problematisch, wenn Fürsorge nicht andere stärkt, einen selbstbestimmten Umgang zu finden. In der Vergangenheit hab ich die Erfahrung gemacht, dass ich mit meinem Kümmern auch Abhängigkeiten produzieren kann. Ich bin deswegen interessiert, wie gegenseitige Fürsorge empowernd sein kann.

Ein großes Problem ist, dass ich im staatlichen Gesundheitssystem nur dann Unterstützung erhalte, wenn ich mich diagnostizieren lasse. Je nachdem um welche Diagnosen es sich handelt und wie stark diese psychologisch aufgeladen sind, kann es mit Pathologisierungen einhergehen. Unter Pathologisierung verstehe ich, andere Menschen als krank zu erklären – ohne dabei die Selbstdefinition der Person zu berücksichtigen. Trans*sein gilt beispielsweise immer noch als Krankheit. Ein über Krankenkassen finanzierter Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen wird nur dann gewährt, wenn er mit einer Diagnose einhergeht.
Die Frage ist aber auch, wer überhaupt (in welchem Maße) Zugang zum staatlichen Gesundheitssystem. Illegalisierte Menschen können (häufig) keine medizinische Versorgung in Anspruch nehmen. Von Trans* Menschen höre ich immer wieder, dass sie in ihrer Therapie ein möglichst poliertes Bild von sich selbst vermitteln wollen und deswegen dort nicht von den psychischen Folgen von Trans*diskriminierung, die sie erleben, erzählen.
Sich um sich selbst zu kümmern kann auch bedeuteten, alltägliche Bedürfnisse zu erfüllen. Texte zu Ableismus kritisieren, dass Selbstfürsorge häufig als Luxus abgetan wird, obwohl für sie darin eine alltägliche Notwendigkeit besteht (Texte auf englisch: For Badass Disability Justice, Working-Class and Poor-Led Models of Sustainable Hustling for Liberation, An End to Able Bodied Rhetoric, On Gimp-Time: Activism and Commitment). Dabei wird häufig betont: Krankmachende Strukturen, durch die es Menschen schlecht geht und die Menschen als krank erklären, sind das Problem; nicht Selbst_Fürsorge. Selbstfürsorge ist für mich der Versuch, einen Umgang mit diesen Strukturen zu finden und sich selbst und einander gegenseitig darin zu stärken, sich in diesen Strukturen und gegen diese Strukturen zu bewegen.

Audre Lorde: Für mich selbst zu sorgen ist keine Selbsthingabe, sondern Selbsterhaltung und das ist ein politisches Kampfmittel. (Übersetzung von mir)


Selbst_Fürsorge ist kein Rückzug

Es gibt die Momente, wo ich für mich alleine sein will; die Momente, die ich einfach nur für mich, meine Gedanken und Gefühle brauche; die Momente, um bei mir selbst wieder anzukommen und mich selbst zu reflektieren. Das ist auch ein Teil von Selbstfürsorge.
Selbstfürsorge ist aber für mich kein Rückzug auf Dauer. Ich bin eher daran interessiert, wie Schonräume gebildet werden können. Und ich weiß, dass diese Schonräume nur dann entstehen können, wenn ich bereit bin meine Komfortzonen zu verlassen.

Aber ich denke, dass einer der Wege, wie wir Privilegien konfrontieren, ist, unseren emotionalen, spirituellen und körperlichen Komfort in Frage zu stellen.
But I do think one of the ways we confront privilege,  is to question our emotional, spiritual, and physical comfort.
(Caroline Picker: Privilege, reparations, and communities of care, Übersetzung von mir)

Mein Fokus entfernt sich immer weiter von einem engen Verständnis von Selbst_Fürsorge und ich frage mich immer mehr, wie wir caring Communities schaffen können.

Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha schreibt in ihrem Text For Badass Disability Justice, Working-Class and Poor-Led Models of Sustainable Hustling for Liberation, dass Erschöpfung von Aktivist_innen auch daher kommen kann, dass die Bewegungen oder Communities ableistisch und unzugänglich für viele sind.
Wie können wir Raum für unterschiedliche Zugänge und Kapazitäten schaffen? Was ist mein Zugang von feministischem Aktivismus? Welche Zugänge haben andere? Wie ist mein Zugang durch Normen von Produktivität und Effizienz geprägt? Für mich ist es wichtig, über verschiedene Gründe nachzudenken, warum Menschen vermeintlich "weniger" machen. Ich möchte mich selbst über verschiedene Kapazitäten informieren, damit ich andere nicht dazu zwinge, über ihre Erschöpfung, Grenzen und Burnouts zu sprechen, bevor ich von meinen Erwartungen abrücke.

Ich ende mit einem Zitat von Dean Spade (Übersetzung von mir):
Wir müssen behutsam mit uns selbst und miteinander sein und heftig, wenn wir Unterdrückung bekämpfen.
We need to be gentle with ourselves and each other and fierce as we fight oppression.

Samstag, 16. November 2013

Worauf richte ich mich aus? Wie richte ich mich auf?

Ausrichten und aufrichten sind räumliche Handlungen, egal ob ich sie körperlich oder metaphorisch begreife. Durch aufrichtende und ausrichtende Handlungen sorge ich für mich, indem ich mich selbst (kritisch) reflektiere und (bewusst) Orientierungspunkte in meinem Leben setze.
Ich bin noch am Lernen, diese Handlungen auch stärker an meinen Körper gebunden zu begreifen. Gewalt und Diskriminierung werden häufig an Körper geknüpft, über Körper ausgetragen, haben körperliche Auswirkungen. Wie sind aufrichtende und ausrichtende Handlungen durch diese körperlichen Erfahrungen geformt?


Worauf ich mich ausrichten kann, ist eng damit verbunden, in welchen Räumen ich mich aufhalte und durch welche Räume ich mich bewege und wie ich mich in diesen Räumen bewege. Meine Orientierungspunkte sind verknüpft mit dem, was mir vertraut ist oder welche Impulse ich wahrnehme und aufgreife.
Ich richte mich aus durch die Selbstverständnisse und Selbstverständlichkeiten, die ich mir setze. Was bedeutet es konkret, wenn ich beispielsweise Feminismus zu meinem Wegweiser mache? An welchen feministischen Zielen orientiere ich mich? Feministische Orientierungspunkte prägen meinen Alltag: sie beeinflussen, mit welchen Themen ich mich beschäftige und zu welchen Themen ich mich austausche, welche Texte ich lese, welche Veranstaltungen ich besuche und womit ich sonst noch so meine Zeit verbringe. Sie prägen, wo ich meine Bezüge setze und zu wem ich mich in Beziehung setze. Es ist eine Frage, wen ich als mein Gegenüber begreife, mit wem ich mich gegen wen oder was ins Verhältnis setze. Es ist auch eine Frage, wie ich mich auf mein Gegenüber ausrichte: Begreife ich mein Gegenüber als Expert_in, als zu Belehrende_n, als Gesprächspartner_in, als Bündnispartner_in? Und wenn ich mich auf andere ausrichte, sind diese dann auch auf mich ausgerichtet? Und mit welcher Perspektive? Wie kann ich mich so auf andere ausrichten, dass ich mich an ihren Ausrichtungen orientiere? Wenn ich mich beispielsweise als weiße Person (auch) auf Feminist_innen of Color und Schwarze Feminist_innen ausrichte, dann richte ich mich auf auf deren Themen aus: Was sind ihre Orientierungspunkte und (wie) kann ich mich dazu ins Verhältnis setzen? Wie erfahre und entscheide ich, welche Nähe/ Distanz angebracht ist?
Meine Orientierungspunkte geben mir ein Gefühl von Sicherheit. Es ist aber eine riskante Form von Sicherheit. Es wird schwierig, wenn meine Selbstverständlichkeiten sich verselbstständigen. Immer wieder hab ich gemerkt, dass meine Selbstverständnisse sich verschoben haben, nicht ohne dass es mit Verunsicherungen einhergegangen ist. Mittlerweile hab ich etwas besser verstanden, dass es wichtig ist, mich auch immer wieder umorientieren zu können. Und es ist wichtig, mir und anderen gegenüber meine Orientierungspunkte so klar wie möglich zu machen.
Momentan richte ich mich in und auf diskriminierungssensible Räume aus. Mein Bedürfnis ist auch mich in diesen Räumen einzurichten und in ihnen ein Zuhause zu finden. Aber ich hinterfrage dieses Bedürfnis danach, ob mein Einrichten auf Kosten anderer stattfindet. Wenn ich mich ausrichte, dann nehme ich andere wahr. Wenn ich mich einrichte, dann wird mein eigener Komfort zum Maßstab. Einrichten würde heißen, dass mein wichtigstes Ziel ist, mich wohlzufühlen; dass ich mich mit den Menschen und Dingen umgebe, die mir Zuspruch geben und es mir nicht unbequem machen. Ich denke mittlerweile, dass diskriminierungssensible Räume nur außerhalb meiner eigenen privilegierten Komfortzonen geschaffen werden können. Wie können wir uns so aufeinander ausrichten, dass Bewegungsräume geschaffen werden, die möglichst diskriminierungssensibel gestaltet sind?


Aufrichten hat für mich zwei Facetten: Intervention und Empowerment.
In dem Moment, wo ich gegen Gewalt und Diskriminierung interveniere, spüre ich ein innerliches Aufrichten. Ich bin angespannt in Situationen, in denen ich Gewalt und Diskriminierung wahrnehme. Wenn ich mich innerlich aufrichte, komme ich aus der Anspannung heraus in ein Handeln. Welche Interventionshandlungen ich wähle und ich wählen kann, hängt davon ab, welche Ressourcen ich zur Verfügung habe, wovon ich strukturell profitiere, welche Communities ich in meinem Rücken weiß_vermute und wie ich mich körperlich und sprachlich handelnd aufrichten kann. Aufrichten ist riskant. Meistens kann ich mir selbst das Risiko aussuchen, andere seltener. Wie stark bin ich direkt und indirekt mit dem konfrontiert, gegen das ich mich aufrichte? Welche Wahlmöglichkeiten habe ich (vermeintlich)? In meinem Leben habe ich schon unterschiedliche Formen von Sexismus erlebt – abhängig von meiner jeweiligen Genderperformance zu dieser Zeit; abhängig von dem, mit wem ich unterwegs bin; abhängig von den Kontexten, in denen ich mich gerade bewege. Meine Wahrnehmung von Sexismus hat sich erweitert, mein Wahrnehumgsradius dehnt sich auf andere Formen von Gewalt und Diskriminierung aus. Wie kann ich mich kollektiv aufrichten, ohne in Logiken des "Aufstands der Anständigen" zu verfallen? Welche Kollektive wähle ich für mein Aufrichten? Wie kann ich mich kollektiv mit anderen aufrichten, ohne mich für andere aufzurichten? An welchen Stellen ist es wichtig, mich gerade nicht aufzurichten? Wie kann ich eine aufgerichtete Kritikfläche bieten und Kritk an meinem Aufrichten wahrnehmen? Von wem will ich Kritik an meinem Aufrichten annehmen?

Mich aufzurichten bedeutet auch mich selbst zu stärken. Ich hab den Vorteil, dass ich auf den Schultern anderer Feminist_innen und ihrer Kämpfe stehen kann. Ich will mich aber nicht auf den Rücken anderer aufrichten, auch wenn ich mir das nicht immer bewusst aussuchen kann. Inwiefern richte auch ich mich auf den Kosten anderer auf? Wie kann ich ein solches Aufrichten vermeiden?

Samstag, 9. November 2013

Mich aufrichten, mich ausrichten

Ich richte mich auf, immer wieder, immer wieder aufs Neue. Mich aufzurichten bedeutet für mich, in mir Stabilität zu finden, in mir die Kraft zu suchen, um mich in meiner ganzen Dimension zu entfalten. Es bedeutet auch zu überlegen, wie viel Platz ich in welchen Räumen für mich und meine Themen einnehme.
Die Herausforderung ist aufgerichtet zu bleiben, nicht vor Scham- und Schuldgefühlen zu versinken oder zu verschwinden, wenn Kritik an mich herangetragen wird. Aufgerichtet zu bleiben, um eine Fläche zu bieten, an der die Kritik nicht abprallt, sondern möglichst viele Öffnungen zu schaffen, um Kritik aufzunehmen.
Immer wieder aufrichten, weil die Welt mich klein halten möchte. Immer wieder aufrichten aber auch, weil ich mich selbst nicht als Opfer denken will und ich nicht so tun muss, als würden mir nicht auch Räume geboten, wo ich mich auf Kosten anderer ausdehnen kann. Zu verweigern diesen Raum zu nehmen und trotzdem aufgerichtet zu bleiben.

Mich aufrichten und mich ausrichten.

Ich richte mich aus, immer wieder, immer wieder aufs Neue. Mich auszurichten bedeutet für mich, mich zu orientieren, meinem politischen Kompass zu folgen. Es bedeutet auch zu überlegen, auf wen ich mich ausrichten kann, weil sie sich in meiner Nähe befinden und welche Ausrichtungen ein Verlassen meiner Komfortzonen erfordern.
Die Herausforderung ist ausgerichtet zu bleiben, mir Fehler in der Navigation einzugestehen, zu überlegen, an welchen Zielen ich mich orientieren möchte, wie Machtverhältnisse und Privilegien versuchen, immer wieder wie ein störender Magnet Einfluss auf meinen Kompass zu nehmen.
Immer wieder ausrichten, weil ich nur gemeinsam mit anderen Richtungen einschlagen kann, die mir selbst oder uns allen vielleicht erst einmal unvertraut erscheinen. Immer wieder ausrichten, um uns gegenseitig zu bewegen und auszhandeln, was unsere Wegweiser sind. Verantwortungen für meine Richtungsentscheidungen und Richtungswechsel zu übernehmen und trotzdem ausgerichtet zu bleiben.


Ich danke einer Freundin, die mir davon erzählt hat, wie sie sich beim Tangotanzen aufrichtet und welche Bedeutung das für sie hat. Die Inspiration zu Ausrichten habe ich in Sara Ahmeds Buch "Queer Phenomenology" gefunden, wo sie viel über Orientierung schreibt.

Sonntag, 8. September 2013

Schonhaltung und Schonräume

Seit über einer Woche bin ich erkältet und ich stelle fest, wie schwer es mir fällt mich selbst zu schonen. Und nicht nur in konkreten Situationen wie Kranksein fällt mir eine Schonhaltung mir selbst gegenüber schwer, sondern auch im allgemeineren Umgang mit mir selbst.

Gestern hat eine Freundin mich gefragt, wie ich es finden würde, wenn ein_e Kolleg_in von mir tagelang mit Erkältung zur Arbeit käme. Sie hat angedeutet, dass ich wahrscheinlich denken würde, dass die Person gerade nicht so gut für sich sorgt. Für mich war diese Einladung zu einem Perspektivwechsel ein wichtiger Aha-Moment und ich konnte nicht anders als ihr zuzustimmen.

In mir gibt es eine deutliche Stimme, die ich "Toughen up" nennen würde. Die Stimme sagt mir, dass es mit etwas Zähnezusammenbeißen gehen wird. Meine Grenzen sind noch nicht wirklich erreicht, meine Ressourcen noch nicht wirklich aufgebraucht.

Ich merke, dass es bei einer Schonhaltung nicht wirklich um die Frage geht, ob eine Situation noch erträglich ist oder nicht. Bei einer Schonhaltung geht es darum, einen Puffer zwischen dem momentanen Befinden und den eigenen Grenzen einzufügen. Ich muss nicht immer austesten, wie viel noch geht, bevor ich an meine Grenzen stoße, ich kann es mir auch in etwas Entfernung bequem machen. Immer mit dem Wissen, dass ich mir diesen Puffer nicht in jeder Situation aussuchen kann. Es gibt auch Momente, da kann ich nicht selbst darüber entscheiden, ob ich mich schonen möchte oder nicht, weil eine Situation über mich hereinbricht, mit der ich einen Umgang finden muss. Umso wichtiger eigentlich, mir diese Schonmomente in Zeiten zu schaffen, in denen dies möglich ist.

Hier sind einige Fragen, die ich mir auch selbst stellen möchte, um mich einer Schonhaltung anzunähern:
  • Wo liegt die Grenze zwischen "Ich fühl mich wohl." und "Ich fühl mich okay."? Was sind erste Anzeichen, wenn ich von dem einen Zustand in den anderne wechsle?
  • In welchen Situationen und Kontexten könnte ich mir öfters eine Schonhaltung erlauben?
  • In welchen Situationen und Kontexten kann ich mir das nicht aussuchen? Und wie gehe ich damit um?
  • Was bedeutet es für mich konkret, mich zu schonen? Was sind meine Schonpraxen? (Meine ersten Ideen: etwas später kommen, etwas langsamer machen, Auszeiten nehmen, Sachen zurückweisen, die mir nicht gut tun, ...)
Mich zu schonen ist auch viel an bestimmte Räume und Kontexte geknüpft. Ich merke, dass ich Schonräume brauche, in denen ich mich wohler fühlen kann, mich etwas entspannter bewegen kann und nicht immer alles erklären muss. Ich schreib hier bewusst Schonräume und nicht geschützte Räume oder safe spaces, weil ich nicht mehr wirklich an Räume glaube, in denen sich alle (für die, dieser Raum jeweils gedacht ist) sicher fühlen können. Mein Anspruch hat sich deswegen verschoben und ich frage mich, wie Räume gestaltet sein müssen, damit sich dort Menschen schonen können, sich wohler fühlen, auch wenn sie sich vielleicht nicht sicher fühlen können. Damit ist immer auch die Frage verknüpft, wer sich in welchen Räumen wohl fühlt und wer sich dort schonen kann. Viel zu häufig wird leider damit argumentiert, dass sich jetzt irgendwer in einer privilegierten Position nicht mehr wohlfühlt, wenn bestimmte Diskriminierungen und Gewaltformen thematisiert werden.

In Andrea Smiths Text "The Problem with 'Privilege'" zitiert sie Ruth Wilson Gilmore, die sagt
safe space is not an escape from the real, but a place to practice the real we want to bring into being
(ein sicherer Raum bietet keine Zuflucht vor der Wirklichkeit, er ist ein Ort, an dem wir die Wirklichkeit üben können, die wir ins Leben rufen möchten)
Andrea Smith schreibt darüber, dass wir erstmal von keiner Verbundenheit miteinander ausgehen können, nur weil wir gesellschaftlich ähnlich positioniert sind oder uns ähnliche Identitäten zugeschrieben werden. Statt davon auszugehen, dass ihn geschützten Räumen keine Diskriminierung oder Gewalt stattfinden kann, plädiert sie dafür, sich mit der eigenen Kompliz_innenschaft mit Machtverhältnissen auseinanderzusetzen und nach kollektiven Strategien zur politischen Veränderung zu suchen.

  • Wie merkst du, dass es Zeit ist, dich zu schonen?
  • Was tust du, um dich zu schonen?
  • In welche Räume begibst du dich, um dich zu schonen? Welche Räume meidest du?
  • Was zeichnet deine Schonräume aus? Was bräuchtest du von diesen Räumen, um dich noch besser schonen zu können?
  • Gibt es in deinen Schonräumen Menschen, die nicht geschont werden? Ist dies eine bewusste Entscheidung (z.B. kein Schonen von Typen in feministischen Räumen) oder werden hier Machtverhältnisse oder Dominanzstrukturen re_produziert?

Dienstag, 3. September 2013

Neue Mitmach-Reihe "Unverhoffte Momente"

Es hat mir sehr viel Freude bereitet, eure Lieblingsauszeiten zu sammeln und hier auf dem Blog zu veröffentlichen (hier, hier, hier, hier und hier). Ich mag das Gefühl, darüber mehr im Austausch zu stehen und von euren Selbstfürsorgeideen lernen zu können.
Deswegen möchte ich gerne einen neuen Aufruf starten und euch bitten, mir eure "unverhofften Momente" zu schicken.

Immer, wenn ich sehr im Stress bin und mich gerade nicht so gut um mich selbst kümmern kann, merke ich, dass Selbstfürsorge nicht immer etwas ist, was ich planen kann. Manchmal sind es eher die kleinen unverhofften Momente, die mich wieder aus nem Loch herausziehen:
... wenn ich über rassistische Kackscheiße ein Statement schreibe und mal wieder an der Welt verzweifle, und dann das Statement von wem anders aufgegriffen und weiter diskutiert wird
... wenn eine andere Person merkt, dass ich erschöpft bin und mich fragt, ob ich gemeinsam Pause machen möchte
... wenn plötzlich ein Kind am Nebentisch im Restaurant coole gesellschaftskritische Sachen sagt

Unverhoffte Momente können Momente des Empowerments sein. Sie können dir zeigen, dass du nicht alleine bist - mit deinen Gedanken, Interventionen oder Haltungen. Sie können die kleinen Wendungen in Situationen sein, die das Ganze dann doch noch erträglich machen.

Ich fände es sehr toll, von euren unverhofften Momenten zu hören und was sie bewirkt haben.
Schreibt nen Kommentar oder schickt mir euren Text per Mail.

Dienstag, 20. August 2013

Wertschätzung geben

Es gibt eine Redewendung, die heißt: Hast du nichts Gutes zu sagen, dann sag lieber gar nichts.
Ich bin wohl eher mit der umgekehrten Redewendung groß geworden: Sag nichts, wenn du nichts Schlechtes zu sagen hast. Und es gab verschiedene Varianten, etwas Schlechts zu sagen: mein Gegenüber (auf nicht sehr freundliche Art) kritisieren, sich über Dritte aufregen, sich selbst schlecht machen, jammern, die Welt und das Leben an sich furchtbar finden, ...

Ich bin immer noch voller Bewunderung, wenn ich Menschen treffe, die scheinbar ohne Limit ihre Wertschätzung und Anerkennung aussprechen. In vielen Situationen bin ich gleichzeitig irritiert und manchmal auch unangenehm berührt davon.
Mir selbst fällt es häufig schwer, meine Wertschätzung für andere auszudrücken. Irgendwie denke ich, dass ich mich dadurch verletzlich machen würde. Vielleicht liegt es daran, dass Wertschätzung ja auch eine Form ist, Zuneigung mitzuteilen und ich dann Angst habe, dass diese Zuneigung zurückgewiesen werden könnte. Ich spüre meine Vorsicht, mit offenem Herzen in Kontakte zu gehen.

Umgekehrt fällt es mir auch schwer, Wertschätzung anzunehmen. Manchmal habe ich regelrecht den Eindruck, dass sich meine Wahrnehmungsfähigkeit ausschaltet, sobald eine Person damit beginnt, ihre Wertschätzung auszudrücken. Irgendwie kann ich dann nicht richtig aufnehmen, was die andere Person gerade kommuniziert hat. Und selbst wenn ich es irgendwie aufnehme, dann denke ich häufig, dass ein Danke nicht ausreicht. Ich hab das Gefühl, die Wertschätzung zurückgeben zu müssen, indem ich die Wertschätzung wertschätze. Wie oft hatte ich schon das Bedürfnis, ein Like auf Facebook liken zu können.

In der letzten Zeit ist mir etwas Interessantes aufgefallen: Je mehr ich Wertschätzung gebe (auch wenn es mich anfangs vielleicht Überwindung kostet), desto mehr nehme ich Dinge wahr, die ich wertschätzen möchte. Ich hab das Gefühl, dass Wertschätzung - wie so viele Sachen - eine Frage der Übung ist. Mit welchen Worten möchte ich Wertschätzung aussprechen? Welche Worte fühlen sich für mich gut an, welche zu pathetisch und welche zu banal? In welchen Situationen und über welche Kommunikationswege teile ich gerne Wertschätzung mit? Welche Gefühle und Formen der Zuneigung empfinde ich in dem Moment für die andere Person? Und möchte ich diese mitteilen?
Je mehr ich mich in Wertschätzen übe, desto mehr kann ich in mir eine Fülle an Wertschätzung und Zuneigung finden, die ich zum Ausdruck bringen möchte. Je mehr ich sie ausdrücke, desto mehr verliere ich meine Scheu und meine Angst, dass irgendwas Schlimmes passieren könnte.
Ich wehre mich gegen den Glaubenssatz, den ich jahrzehntelang verinnerlicht habe. Und es fühlt sich gut an.

Lange habe ich Wertschätzung mit Lob verwechselt. In der Schule bin ich viel für meine Leistungen gelobt worden und ich dachte, dass das Wertschätzung wäre. Immer noch kann ich mir häufig nur dann selbst Anerkennung geben, wenn ich etwas geleistet habe. Damit knüpfe ich Wertschätzung daran, was ich mache. Bei anderen fällt mir auf, dass ich Wertschätzung dafür ausspreche, wie sie (in der Welt) sind. Ich nehme an anderen stärker ihre Kämpfe wahr und ich bewundere ihr Durchhalten, Weitermachen, ihren Mut und die kleinen Veränderungen. Dafür möchte ich meine Bewunderung und meine Wertschätzung stärker zum Ausdruck bringen. Ich möchte andere in dem, wie sie sich durch die Welt bewegen, an_erkennen.

Irgendwie möchte ich mit diesem Text ein Plädoyer für mehr Mut zu mehr Wertschätzung aussprechen. Wertschätzung ist für mich auch eine Form des kollektiven Empowerments - eine gegenseitige Ermutigung, sich zu zeigen und sich in der Welt zu bewegen. Eine Form des Protests gegen all die Auswirkungen von Machtverhältnissen, gegen die es manchmal schwer sein kann Selbstvertrauen und Selbstliebe aufrecht zu erhalten.

Wem möchtest du deine Wertschätzung mitteilen?
Wofür möchtest du dir selbst Wertschätzung geben?
Wie sollte dir Wertschätzung gegeben werden, damit du sie leicht(er) annehmen kannst?
Was hält dich davon ab, Wertschätzung mitzuteilen?
Was hält dich davon ab, Wertschätzung anzunehmen?
Was ist dir an Wertschätzung wichtig und könnte dir dabei helfen, es mehr zu tun?

Freitag, 2. August 2013

Gleichzeitigkeiten leben

Ich will mich der Herausforderung stellen, Gefühle in ihren Komplexitäten, Widersprüchlichkeiten und Verquickungen zuzulassen.
Wenn ich erlebe, wie unterschiedliche Emotionen gleichzeitig präsent sind, finde ich es häufig schwierig, nicht ein Gefühl mich komplett ausfüllen zu lassen; nicht ein Gefühl auf alle erlebten Situationen zu übertragen. Ich merke, wie schlechte Gefühle schnell mehr Dominanz in mir gewinnen. Ich verweigere mir manchmal, mich in manchen Momenten gut zu fühlen, wenn ich auch noch Sorgen, Krisen oder Zweifel in mir trage. Doch ich lerne auch, dass ich mich trotz allem gut fühlen darf. Ich lerne, mir auch die Erlaubnis zu geben, Gefühle in ihren Gleichzeitigkeiten zu leben.

In den letzten Wochen haben mich verschiedenste Gefühle ausgefüllt:
mir Sorgen machen um Menschen in emotionalen_körperlichen Krisen
Zuversicht leben
Konflikte wahrnehmen, erleben und durchleben
Freude mit_teilen
Zweifel aussprechen und anhören
Ängste und Unsicherheiten in die Zeiten und Orte einsortieren, wo sie hingehören
Sehnsüchte spüren
Verbundenheiten und Verbindungen ausdrücken

Die Gleichzeitigkeiten von Gefühlen zu leben bedeutet für mich auch, ein Stück weit die Kontrolle über meine Emotionen aufzugeben - die Kontrolle darüber, welche Gefühle ich in mir groß werden lasse. Schlechte Gefühle sind mir vertraut. Ich hab mich in ihnen eingerichtet. Sie sind das, was mir bekannt ist und wofür ich meine Bewältigungsstrategien gefunden habe. Ihnen gebe ich deshalb Vorrang, manchmal nehmen sie sich aber auch einfach den Platz. Dann ist das auch okay, weil ich weiß, dass ich wohlwollend mit mir selbst umgehen muss, wenn mich Traurigkeit oder Verzweiflung überwältigt. Ich weiß, dass sich Krisen und Konflikte ihre Räume schaffen und dass es mich meist mehr Kraft kostet, wenn ich sie nicht annehme und (dadurch meist auch als irgendwie bewältigbar) erlebe. Mir macht es aber auch Angst, meine Schutzmechanismen aufzugeben, meine Wände runterzufahren, um präsenter zu sein für die Bandbreite meiner Gefühle. Es braucht ein Zulassen, ein Einlassen. Nicht immer gelingt mir das. An welchen Orten und mit welchen Menschen fühl ich mich sicher genug für dieses Zulassen und Einlassen?

Kontrolle und Entscheidungsfähigkeiten waren lange Zeit zwei Dinge, die für mich eng miteinander verknüpft erschienen. Ich dachte, wenn ich mich nicht stark kontrolliere, dann kann ich auch nicht entscheiden. Mit Gefühlen erlebe ich aber, dass, auch wenn ich Gefühle zulasse, ohne sie gleich zu kontrollieren, ich mich trotzdem manchmal entscheiden kann, worauf ich meinen Fokus lenke. Suche ich bewusst nach den noch so kleinen Glücksmomenten in meinem Tag? Freue ich mich über die Dinge, die mir Freude bereiten? Für mich sind das zum Beispiel Eichhörnchen im Park, blauer Himmel, ein Lächeln auf der Straße, meine Herzensmenschen. Manchmal helfen mir diese kleinen Momente, mich wieder ein bisschen für die Komplexitäten von Gefühls- und Erlebenswelten zu öffnen. Manchmal ist das Einzige, was ich tun kann, es irgendwie zu registrieren, auch wenn es in dem Moment nicht emotional zu mir durchdringt. Ich versuche, diese Momente dann irgendwo in mir abzuspeichern, um sie wieder herauszuholen, wenn meine Rüstung wieder ein bisschen löchriger geworden ist.

Und dann gibt es aber auch die Momente, in denen mich Lebensfreude komplett ausfüllt. Nicht immer ist es mir leicht gefallen, diese zuzulassen. Ich konnte sie mir nicht erlauben, weil ich wusste, dass Krisen (meine und die anderer) um die Ecke auf mich warten. Mittlerweile sind diese Lebensfreude-Momente für mich zu einem wichtigen Trotzdem geworden. Eben weil die Krisen (gleichzeitig) da sind, will ich mich meiner Lebensfreude komplett hingeben, wenn sie da ist. Ich will in diesen Momenten durch die Straßen schweben können, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Und wenn ich andere in ihrer Lebensfreude erlebe, versuche ich, die Gleichzeitigkeiten und das Trotzdem dieser Momente wahrzunehmen - und mich nach Möglichkeit gleichzeitig und trotzdem mitzufreuen.

Wie erlebst du Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten, Vereinbarkeiten und Unvereinbarkeiten von Gefühlen?
Was machst du mit diesen?
An welchen Orten und mit welchen Menschen fühlst du dich sicher und wohl, um Gleichzeitigkeiten von Gefühlen zulassen zu können?
Welche Gefühle sind (meistens) dominant?