Sonntag, 8. September 2013

Schonhaltung und Schonräume

Seit über einer Woche bin ich erkältet und ich stelle fest, wie schwer es mir fällt mich selbst zu schonen. Und nicht nur in konkreten Situationen wie Kranksein fällt mir eine Schonhaltung mir selbst gegenüber schwer, sondern auch im allgemeineren Umgang mit mir selbst.

Gestern hat eine Freundin mich gefragt, wie ich es finden würde, wenn ein_e Kolleg_in von mir tagelang mit Erkältung zur Arbeit käme. Sie hat angedeutet, dass ich wahrscheinlich denken würde, dass die Person gerade nicht so gut für sich sorgt. Für mich war diese Einladung zu einem Perspektivwechsel ein wichtiger Aha-Moment und ich konnte nicht anders als ihr zuzustimmen.

In mir gibt es eine deutliche Stimme, die ich "Toughen up" nennen würde. Die Stimme sagt mir, dass es mit etwas Zähnezusammenbeißen gehen wird. Meine Grenzen sind noch nicht wirklich erreicht, meine Ressourcen noch nicht wirklich aufgebraucht.

Ich merke, dass es bei einer Schonhaltung nicht wirklich um die Frage geht, ob eine Situation noch erträglich ist oder nicht. Bei einer Schonhaltung geht es darum, einen Puffer zwischen dem momentanen Befinden und den eigenen Grenzen einzufügen. Ich muss nicht immer austesten, wie viel noch geht, bevor ich an meine Grenzen stoße, ich kann es mir auch in etwas Entfernung bequem machen. Immer mit dem Wissen, dass ich mir diesen Puffer nicht in jeder Situation aussuchen kann. Es gibt auch Momente, da kann ich nicht selbst darüber entscheiden, ob ich mich schonen möchte oder nicht, weil eine Situation über mich hereinbricht, mit der ich einen Umgang finden muss. Umso wichtiger eigentlich, mir diese Schonmomente in Zeiten zu schaffen, in denen dies möglich ist.

Hier sind einige Fragen, die ich mir auch selbst stellen möchte, um mich einer Schonhaltung anzunähern:
  • Wo liegt die Grenze zwischen "Ich fühl mich wohl." und "Ich fühl mich okay."? Was sind erste Anzeichen, wenn ich von dem einen Zustand in den anderne wechsle?
  • In welchen Situationen und Kontexten könnte ich mir öfters eine Schonhaltung erlauben?
  • In welchen Situationen und Kontexten kann ich mir das nicht aussuchen? Und wie gehe ich damit um?
  • Was bedeutet es für mich konkret, mich zu schonen? Was sind meine Schonpraxen? (Meine ersten Ideen: etwas später kommen, etwas langsamer machen, Auszeiten nehmen, Sachen zurückweisen, die mir nicht gut tun, ...)
Mich zu schonen ist auch viel an bestimmte Räume und Kontexte geknüpft. Ich merke, dass ich Schonräume brauche, in denen ich mich wohler fühlen kann, mich etwas entspannter bewegen kann und nicht immer alles erklären muss. Ich schreib hier bewusst Schonräume und nicht geschützte Räume oder safe spaces, weil ich nicht mehr wirklich an Räume glaube, in denen sich alle (für die, dieser Raum jeweils gedacht ist) sicher fühlen können. Mein Anspruch hat sich deswegen verschoben und ich frage mich, wie Räume gestaltet sein müssen, damit sich dort Menschen schonen können, sich wohler fühlen, auch wenn sie sich vielleicht nicht sicher fühlen können. Damit ist immer auch die Frage verknüpft, wer sich in welchen Räumen wohl fühlt und wer sich dort schonen kann. Viel zu häufig wird leider damit argumentiert, dass sich jetzt irgendwer in einer privilegierten Position nicht mehr wohlfühlt, wenn bestimmte Diskriminierungen und Gewaltformen thematisiert werden.

In Andrea Smiths Text "The Problem with 'Privilege'" zitiert sie Ruth Wilson Gilmore, die sagt
safe space is not an escape from the real, but a place to practice the real we want to bring into being
(ein sicherer Raum bietet keine Zuflucht vor der Wirklichkeit, er ist ein Ort, an dem wir die Wirklichkeit üben können, die wir ins Leben rufen möchten)
Andrea Smith schreibt darüber, dass wir erstmal von keiner Verbundenheit miteinander ausgehen können, nur weil wir gesellschaftlich ähnlich positioniert sind oder uns ähnliche Identitäten zugeschrieben werden. Statt davon auszugehen, dass ihn geschützten Räumen keine Diskriminierung oder Gewalt stattfinden kann, plädiert sie dafür, sich mit der eigenen Kompliz_innenschaft mit Machtverhältnissen auseinanderzusetzen und nach kollektiven Strategien zur politischen Veränderung zu suchen.

  • Wie merkst du, dass es Zeit ist, dich zu schonen?
  • Was tust du, um dich zu schonen?
  • In welche Räume begibst du dich, um dich zu schonen? Welche Räume meidest du?
  • Was zeichnet deine Schonräume aus? Was bräuchtest du von diesen Räumen, um dich noch besser schonen zu können?
  • Gibt es in deinen Schonräumen Menschen, die nicht geschont werden? Ist dies eine bewusste Entscheidung (z.B. kein Schonen von Typen in feministischen Räumen) oder werden hier Machtverhältnisse oder Dominanzstrukturen re_produziert?

Dienstag, 3. September 2013

Neue Mitmach-Reihe "Unverhoffte Momente"

Es hat mir sehr viel Freude bereitet, eure Lieblingsauszeiten zu sammeln und hier auf dem Blog zu veröffentlichen (hier, hier, hier, hier und hier). Ich mag das Gefühl, darüber mehr im Austausch zu stehen und von euren Selbstfürsorgeideen lernen zu können.
Deswegen möchte ich gerne einen neuen Aufruf starten und euch bitten, mir eure "unverhofften Momente" zu schicken.

Immer, wenn ich sehr im Stress bin und mich gerade nicht so gut um mich selbst kümmern kann, merke ich, dass Selbstfürsorge nicht immer etwas ist, was ich planen kann. Manchmal sind es eher die kleinen unverhofften Momente, die mich wieder aus nem Loch herausziehen:
... wenn ich über rassistische Kackscheiße ein Statement schreibe und mal wieder an der Welt verzweifle, und dann das Statement von wem anders aufgegriffen und weiter diskutiert wird
... wenn eine andere Person merkt, dass ich erschöpft bin und mich fragt, ob ich gemeinsam Pause machen möchte
... wenn plötzlich ein Kind am Nebentisch im Restaurant coole gesellschaftskritische Sachen sagt

Unverhoffte Momente können Momente des Empowerments sein. Sie können dir zeigen, dass du nicht alleine bist - mit deinen Gedanken, Interventionen oder Haltungen. Sie können die kleinen Wendungen in Situationen sein, die das Ganze dann doch noch erträglich machen.

Ich fände es sehr toll, von euren unverhofften Momenten zu hören und was sie bewirkt haben.
Schreibt nen Kommentar oder schickt mir euren Text per Mail.

Dienstag, 20. August 2013

Wertschätzung geben

Es gibt eine Redewendung, die heißt: Hast du nichts Gutes zu sagen, dann sag lieber gar nichts.
Ich bin wohl eher mit der umgekehrten Redewendung groß geworden: Sag nichts, wenn du nichts Schlechtes zu sagen hast. Und es gab verschiedene Varianten, etwas Schlechts zu sagen: mein Gegenüber (auf nicht sehr freundliche Art) kritisieren, sich über Dritte aufregen, sich selbst schlecht machen, jammern, die Welt und das Leben an sich furchtbar finden, ...

Ich bin immer noch voller Bewunderung, wenn ich Menschen treffe, die scheinbar ohne Limit ihre Wertschätzung und Anerkennung aussprechen. In vielen Situationen bin ich gleichzeitig irritiert und manchmal auch unangenehm berührt davon.
Mir selbst fällt es häufig schwer, meine Wertschätzung für andere auszudrücken. Irgendwie denke ich, dass ich mich dadurch verletzlich machen würde. Vielleicht liegt es daran, dass Wertschätzung ja auch eine Form ist, Zuneigung mitzuteilen und ich dann Angst habe, dass diese Zuneigung zurückgewiesen werden könnte. Ich spüre meine Vorsicht, mit offenem Herzen in Kontakte zu gehen.

Umgekehrt fällt es mir auch schwer, Wertschätzung anzunehmen. Manchmal habe ich regelrecht den Eindruck, dass sich meine Wahrnehmungsfähigkeit ausschaltet, sobald eine Person damit beginnt, ihre Wertschätzung auszudrücken. Irgendwie kann ich dann nicht richtig aufnehmen, was die andere Person gerade kommuniziert hat. Und selbst wenn ich es irgendwie aufnehme, dann denke ich häufig, dass ein Danke nicht ausreicht. Ich hab das Gefühl, die Wertschätzung zurückgeben zu müssen, indem ich die Wertschätzung wertschätze. Wie oft hatte ich schon das Bedürfnis, ein Like auf Facebook liken zu können.

In der letzten Zeit ist mir etwas Interessantes aufgefallen: Je mehr ich Wertschätzung gebe (auch wenn es mich anfangs vielleicht Überwindung kostet), desto mehr nehme ich Dinge wahr, die ich wertschätzen möchte. Ich hab das Gefühl, dass Wertschätzung - wie so viele Sachen - eine Frage der Übung ist. Mit welchen Worten möchte ich Wertschätzung aussprechen? Welche Worte fühlen sich für mich gut an, welche zu pathetisch und welche zu banal? In welchen Situationen und über welche Kommunikationswege teile ich gerne Wertschätzung mit? Welche Gefühle und Formen der Zuneigung empfinde ich in dem Moment für die andere Person? Und möchte ich diese mitteilen?
Je mehr ich mich in Wertschätzen übe, desto mehr kann ich in mir eine Fülle an Wertschätzung und Zuneigung finden, die ich zum Ausdruck bringen möchte. Je mehr ich sie ausdrücke, desto mehr verliere ich meine Scheu und meine Angst, dass irgendwas Schlimmes passieren könnte.
Ich wehre mich gegen den Glaubenssatz, den ich jahrzehntelang verinnerlicht habe. Und es fühlt sich gut an.

Lange habe ich Wertschätzung mit Lob verwechselt. In der Schule bin ich viel für meine Leistungen gelobt worden und ich dachte, dass das Wertschätzung wäre. Immer noch kann ich mir häufig nur dann selbst Anerkennung geben, wenn ich etwas geleistet habe. Damit knüpfe ich Wertschätzung daran, was ich mache. Bei anderen fällt mir auf, dass ich Wertschätzung dafür ausspreche, wie sie (in der Welt) sind. Ich nehme an anderen stärker ihre Kämpfe wahr und ich bewundere ihr Durchhalten, Weitermachen, ihren Mut und die kleinen Veränderungen. Dafür möchte ich meine Bewunderung und meine Wertschätzung stärker zum Ausdruck bringen. Ich möchte andere in dem, wie sie sich durch die Welt bewegen, an_erkennen.

Irgendwie möchte ich mit diesem Text ein Plädoyer für mehr Mut zu mehr Wertschätzung aussprechen. Wertschätzung ist für mich auch eine Form des kollektiven Empowerments - eine gegenseitige Ermutigung, sich zu zeigen und sich in der Welt zu bewegen. Eine Form des Protests gegen all die Auswirkungen von Machtverhältnissen, gegen die es manchmal schwer sein kann Selbstvertrauen und Selbstliebe aufrecht zu erhalten.

Wem möchtest du deine Wertschätzung mitteilen?
Wofür möchtest du dir selbst Wertschätzung geben?
Wie sollte dir Wertschätzung gegeben werden, damit du sie leicht(er) annehmen kannst?
Was hält dich davon ab, Wertschätzung mitzuteilen?
Was hält dich davon ab, Wertschätzung anzunehmen?
Was ist dir an Wertschätzung wichtig und könnte dir dabei helfen, es mehr zu tun?

Freitag, 2. August 2013

Gleichzeitigkeiten leben

Ich will mich der Herausforderung stellen, Gefühle in ihren Komplexitäten, Widersprüchlichkeiten und Verquickungen zuzulassen.
Wenn ich erlebe, wie unterschiedliche Emotionen gleichzeitig präsent sind, finde ich es häufig schwierig, nicht ein Gefühl mich komplett ausfüllen zu lassen; nicht ein Gefühl auf alle erlebten Situationen zu übertragen. Ich merke, wie schlechte Gefühle schnell mehr Dominanz in mir gewinnen. Ich verweigere mir manchmal, mich in manchen Momenten gut zu fühlen, wenn ich auch noch Sorgen, Krisen oder Zweifel in mir trage. Doch ich lerne auch, dass ich mich trotz allem gut fühlen darf. Ich lerne, mir auch die Erlaubnis zu geben, Gefühle in ihren Gleichzeitigkeiten zu leben.

In den letzten Wochen haben mich verschiedenste Gefühle ausgefüllt:
mir Sorgen machen um Menschen in emotionalen_körperlichen Krisen
Zuversicht leben
Konflikte wahrnehmen, erleben und durchleben
Freude mit_teilen
Zweifel aussprechen und anhören
Ängste und Unsicherheiten in die Zeiten und Orte einsortieren, wo sie hingehören
Sehnsüchte spüren
Verbundenheiten und Verbindungen ausdrücken

Die Gleichzeitigkeiten von Gefühlen zu leben bedeutet für mich auch, ein Stück weit die Kontrolle über meine Emotionen aufzugeben - die Kontrolle darüber, welche Gefühle ich in mir groß werden lasse. Schlechte Gefühle sind mir vertraut. Ich hab mich in ihnen eingerichtet. Sie sind das, was mir bekannt ist und wofür ich meine Bewältigungsstrategien gefunden habe. Ihnen gebe ich deshalb Vorrang, manchmal nehmen sie sich aber auch einfach den Platz. Dann ist das auch okay, weil ich weiß, dass ich wohlwollend mit mir selbst umgehen muss, wenn mich Traurigkeit oder Verzweiflung überwältigt. Ich weiß, dass sich Krisen und Konflikte ihre Räume schaffen und dass es mich meist mehr Kraft kostet, wenn ich sie nicht annehme und (dadurch meist auch als irgendwie bewältigbar) erlebe. Mir macht es aber auch Angst, meine Schutzmechanismen aufzugeben, meine Wände runterzufahren, um präsenter zu sein für die Bandbreite meiner Gefühle. Es braucht ein Zulassen, ein Einlassen. Nicht immer gelingt mir das. An welchen Orten und mit welchen Menschen fühl ich mich sicher genug für dieses Zulassen und Einlassen?

Kontrolle und Entscheidungsfähigkeiten waren lange Zeit zwei Dinge, die für mich eng miteinander verknüpft erschienen. Ich dachte, wenn ich mich nicht stark kontrolliere, dann kann ich auch nicht entscheiden. Mit Gefühlen erlebe ich aber, dass, auch wenn ich Gefühle zulasse, ohne sie gleich zu kontrollieren, ich mich trotzdem manchmal entscheiden kann, worauf ich meinen Fokus lenke. Suche ich bewusst nach den noch so kleinen Glücksmomenten in meinem Tag? Freue ich mich über die Dinge, die mir Freude bereiten? Für mich sind das zum Beispiel Eichhörnchen im Park, blauer Himmel, ein Lächeln auf der Straße, meine Herzensmenschen. Manchmal helfen mir diese kleinen Momente, mich wieder ein bisschen für die Komplexitäten von Gefühls- und Erlebenswelten zu öffnen. Manchmal ist das Einzige, was ich tun kann, es irgendwie zu registrieren, auch wenn es in dem Moment nicht emotional zu mir durchdringt. Ich versuche, diese Momente dann irgendwo in mir abzuspeichern, um sie wieder herauszuholen, wenn meine Rüstung wieder ein bisschen löchriger geworden ist.

Und dann gibt es aber auch die Momente, in denen mich Lebensfreude komplett ausfüllt. Nicht immer ist es mir leicht gefallen, diese zuzulassen. Ich konnte sie mir nicht erlauben, weil ich wusste, dass Krisen (meine und die anderer) um die Ecke auf mich warten. Mittlerweile sind diese Lebensfreude-Momente für mich zu einem wichtigen Trotzdem geworden. Eben weil die Krisen (gleichzeitig) da sind, will ich mich meiner Lebensfreude komplett hingeben, wenn sie da ist. Ich will in diesen Momenten durch die Straßen schweben können, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Und wenn ich andere in ihrer Lebensfreude erlebe, versuche ich, die Gleichzeitigkeiten und das Trotzdem dieser Momente wahrzunehmen - und mich nach Möglichkeit gleichzeitig und trotzdem mitzufreuen.

Wie erlebst du Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten, Vereinbarkeiten und Unvereinbarkeiten von Gefühlen?
Was machst du mit diesen?
An welchen Orten und mit welchen Menschen fühlst du dich sicher und wohl, um Gleichzeitigkeiten von Gefühlen zulassen zu können?
Welche Gefühle sind (meistens) dominant?

Sonntag, 14. Juli 2013

Gleichgewicht finden

In den letzten Wochen war ich irgendwie öfters mit nervigen Situationen und anstrengenden Fragen konfrontiert. Die letzten Wochen haben Kraft gekostet. Für mich bedeutet ein fürsorglicher Umgang mit mir selbst zu entscheiden, in welcher Situation ich diese Kraft aufbringe und in welcher auch nicht. Noch wichtiger als die Entscheidungsfähigkeit selbst (die ja auch leider nicht immer gegeben ist, sonst würde ich ja auch nicht schreiben, dass ich mich konfrontiert fühle), ist die Frage, wie ich mich in welcher Situation jeweils entscheide.

Im Groben kann ich zwei Tendenzen ausmachen, die sich vermutlich auf einem Kontinuum befinden und in verschiedenen Schattierungen zu Tage treten: Selbstschutz, der meist in Ignorieren oder Eskalieren besteht, und Verantwortung übernehmen, wo ich versuche zu erklären und Kritik zu vermitteln. Für welche Variante oder Nuancen der jeweiligen Variante ich mich entscheide, hat viel damit zu tun, wie ich in der jeweiligen Situation positioniert bin.

Situation Nummer eins: In einem Gespräch kommt das Thema Coming-Out und die Situation von Lesben auf. Ich hab mir das Thema nicht ausgesucht. Irgendwann fällt der Satz: "Ich finde es so schlimm, dass Menschen dafür diskriminiert werden, wen sie lieben." Ich verstumme, mir fehlen die Worte. Ich kann das vermeintliche Einfühlen in meine Lebensrealität nicht aushalten. Ich fühl mich zu einer Lektion in eigener Toleranz und politischer Bewusstwerdung stilisiert. Ich komme erneut nicht wirklich vor oder nur als vermeintliche Hülle meiner selbst. In der Situation habe ich mich entschieden, nichts zu sagen. Ich wollte weder mich kritisch dazu äußern noch auf die gewonnene Einsicht eingehen. Aus Selbstschutz habe ich mich für Ignorieren entschieden. In ähnlichen Situationen hab ich mich auch schon für Wut entschieden und der Summe meiner Erfahrungen Raum gegeben. Wenn ich die Zielscheibe der gesammelten Erkenntnis werde, ist es nur fair, wenn dich meine gesammelte Erfahrung mit deinen Erkenntnissen trifft. Es gäbe noch die Möglichkeit mich zu dem Gespräch zu äußern. Doch bei der Entscheidung, ob ich das tun möchte, werde ich auf meine Kräfte achten. Und das finde ich gut so.

Situation Nummer zwei: In einem Gespräch wird die Frage gestellt, wie sich bislang weiß dominierte Räume für People of Color und Schwarze öffnen können. Es werden Ideen in den Raum geworfen, die ich bevormundend bis ausgrenzend finde. Die konkreten Aussagen sind hier egal und auch zum Teil beliebig austauschbar. Auch hier habe ich mir das Thema in der Situation nicht ausgesucht. Doch in dieser Situation fällt meine Entscheidung anders aus. Als weiße Person finde ich es wichtig, auf von mir wahrgenommene problematische Setzungen zu verweisen und meine Erfahrungen an antirassistischer Zusammenarbeit weiterzugeben. Auch diese Gespräche kosten Kraft, weil sie viel Selbstreflektion erfordern, und kritische Solidarität manchmal ein schwer bewohnbarer Ort ist. Die Frage nach meinen Kräften ist bei der Entscheidung für den Austausch nachrangig. Und das finde ich gut so.

Vielleicht bedeutet das, mich öfters gegen eine Gesprächsbereitschaft über meine Diskriminierungen zu entscheiden, um häufiger eine_ Verbündete_ sein zu können. Ein Haushalten meiner Kräfte, das selbstverständlicher meine Selbstverständlichkeiten in Frage stellt und keine Anerkennung für mein Anerkennen von Diskriminierungen will.

Was kostet dich Kraft?
Wie teilst du deine Kräfte ein? Wie entscheidest du, wo du deine Energien reingibst?
Wo tankst du Energie? Auf wessen Kosten?
Wie gibst du anderen Kraft? Wem und wem nicht?

Sonntag, 23. Juni 2013

Warum tue ich das, was ich tue? - Feministische Motivationen

An meiner Wand hängt eine Mindmap, in der ich über meine Antigewaltarbeit kritisch reflektiere. Sie ist entstanden, als ich mich im Rahmen meiner Ausbildung zur systemischen Beraterin damit beschäftigt habe, welche Glaubenssätze mir (von Seiten meiner Herkunftsfamilie) mitgegeben wurden.
In dieser Mindmap findet sich als eine von vielen Spuren die Frage: Welche Rolle spielen Schuldgefühle und schlechtes Gewissen in meinem Aktivismus?
Hat mich ein Unrechtsempfinden zu meinem feministischen Handeln gebracht und hält mich ein schlechtes Gewissen, niemals genug machen zu können, dabei? Inwiefern fühle ich mich verpflichtet? Und wem oder was gegenüber eigentlich?
Diese Schuldgefühle spannen sich in zwei Richtungen auf: Leidensdruck und Verantwortung.
Leidensdruck ist für mich eine Haltung, mit der ich mich manchmal konfrontiert fühle. Als Feministin und Betroffene von Sexismus (neben anderen Machtverhältnissen) muss es mir schlecht gehen - und lange Zeit tat es das einfach, ohne dass ich da irgendwelche Mitsprachemöglichkeiten gefunden hätte. Kann ich überhaupt eine echte Feministin sein, wenn ich nicht permanent an dieser Gesellschaft leide? (Mir geht es hier nicht darum, irgendwen zu kritisieren, der es mit gesellschafltichen Verhältnissen schlecht geht oder an diesen verzweifelt - http://virtualretreatcenter.blogspot.de/2013/05/everybody-hurts-sometimes-umgang-mit.html) Lange Zeit hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn es mir gut ging, was ich damit kompensiert habe, mich noch mehr um andere zu kümmern. Heute bestehe ich mehr auf dem "trotz": trotz aller sexistischen und anderen diskriminierenden Kackscheiße kann und darf ich meine glücklichen Momente haben.
Verantwortung ist für mich ein wichtiger Perspektivwechsel in Bezug auf Schuldgefühle, wenn es um mein solidarisches Handeln aus meinen privilegierten Positionen heraus geht. Mir und anderen bringt es nichts, wenn ich mich beispielsweise wegen rassistischen Zuständen und Verhaltensweisen schuldig fühle. Und es bringt auch nichts, wenn ich in meinem schlechten Gewissen über Ungelerntem und Unreflektiertem verharre. Stattdessen will ich mich immer wieder neu fragen: Wie kann ich Verantwortung für mein eigenes Handeln und diskriminierende Verhältnisse übernehmen? Für mich gehört dazu auch, darüber nachzudenken, wie ich anderen in meinen feministischen Communities ermöglichen kann, für sich selbst zu sorgen und wie ich Räume schaffen kann, in denen sich auch Mehrfachzugehörige geschützt(er) und wohl(er) fühlen können.

Ich merke, dass es für mich wichtig ist, mich mit meinen feministischen Motivationen auseinanderzusetzen, weil sich darin auch viele eigene Glaubenssätze verbergen. Viele dieser Glaubenssätze entsprechen dabei nicht unbedingt meinen feministischen Idealen, sondern sind Teil einer kapitalistischen Selbstdisziplinierungslogik, die Selbstfürsorge und einen wohlwollenden Umgang mit mir selbst häufig verhindert. Zu diesen Glaubenssätzen gehören: "Du bist nur etwas wert, wenn du etwas leistest.", "Du darfst dich erst ausruhen, wenn du dein Ziel erreicht hast." Diese Glaubenssätze führen häufig auch dazu, dass ich anderen Feminist_innen mit Härte begegne. Manchmal merke ich, wie ich von anderen erwarte, dass sie mehr tun, damit ich weniger tun kann - weil ich meinen allgemeinen Maßstab, was passieren muss, nicht runterschrauben kann. Zur Zeit übe ich mich darin, unterschiedliche Zugänge, Bedürfnisse und Limits stärker wahrzunehmen und anzuerkennen. Dabei ist es mir wichtig, dass es viele unterschiedliche Gründe für ein vermeintliches "Weniger" geben kann und dass ich nicht erst bei einem Verweis auf Erschöpfung, Grenzen oder das B-Wort (Burnout) von meinen Erwartungen an andere abrücke. In dem Bereich hab ich noch viel zu lernen, was aber hoffentlich auch zu mehr Nachgiebigkeit mit mir selbst führt.

In der Mindmap findet sich als alternative Spur auch die Frage: Wie kann ich die Sonnenseiten des Lebens spüren und Freude in meinem Aktivismus erfahren?
Ich hab die Vorstellung, dass Freude kein Ziel von feministischem Aktivismus sein kann und trotzdem ist es für mich ein wichtiger Bestandteil meiner feministischen Lebensweisen. Nähe und Intensität spüren und das Erleben gegenseitiger Solidarität, auch wenn diese Erfahrungen immer wieder mit Widersprüchen, Scheitern und Ambivalenzen angefüllt sind, gehören für mich zu meinem feministischen Alltag und lassen mich auch nach schweren Phasen und (Selbst-) Zweifeln immer wieder weiter machen. Manchmal wünsche ich mir, dass mein feministisches Handeln stärker von Hoffnung und Zuversicht geprägt ist. Und dann frage ich mich, inwiefern mir meine Privilegien erlauben, zuversichtlich und hoffnungsvoll sein zu wollen bzw. punktuell sein zu können.

Was motiviert dich zu deinem feministischen Handeln?
Wie bewegst du dich zwischen schlechtem Gewissen und Schuldgefühlen?
Was macht dir Druck?
Welche anderen Motivationsspuren finden sich in deinem feministischen Leben?

Dienstag, 4. Juni 2013

Weiter als die Wut

Manchmal nehme ich gerne alte feministische Texte zur Hand, um nachzulesen, was früher schon zu bestimmten Themen diskutiert wurde. Ich will über feministische Wut schreiben und mir fällt "Weiter als die Wut" (1983) von Anja Meulenbelt ein. Ihr Vorwort beginnt mit dem Satz:
Jahrelang bin ich böse gewesen.
Und weiter:
Und danach? Gibt es eine Phase nach den Jahren der Wut? Ist das Feuer ausgebrannt, wenn du dich nicht mehr täglich aufregst, hast du dann deine Radikalität verloren? (...)
Wenn Aggression dasselbe bedeutet wie Streitbarkeit, dann bin ich weniger militant als früher. Wenn Streitbarkeit bedeutet, sich effektiver, zäher, beständiger und differenzierter daran zu machen, jede Form von Unterdrückung abzuschaffen, dann bin ich streitbarer als jemals zuvor. Was mich betrifft, gibt es eine dritte Phase nach dem Opferdasein und nach der ersten Wut. Eine Phase, in der Wut sich in Kreativität und Beständigkeit verwandelt hat und die als eine Weiterentwicklung zu betrachten ist. Einige betrachten das als Rückfall. Für andere, die an dem Prozess teilnehmen, ist es ein Schritt nach vorn. (S. 5-6)
Auch wenn ich Meulenbelts Entwicklungsnarrativ nicht unbedingt folgen möchte, so finde ich doch ihre Frage wichtig, was neben der Wut und dem Aufregen noch Platz haben darf. Für mich ist Wut wichtig: Es ist wichtig, mir Wut zu erlauben, Wut fühlen zu lernen und sie ist immer wieder ein wichtiger Motor für mein feministisches Handeln. Gleichzeitig ist Wut immer auch ein bezogenes Gefühl: Ich stecke meine emotionale Energie in das, worauf ich wütend bin. Wut hält mich davon ab, mir ganz andere Wege und Richtungen zu imaginieren. Wut nimmt Zeit weg für Wertschätzung und Anteilnahme gegenüber meinen feministischen Freund_innen.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass feministische Gemeinsamkeiten darüber geschaffen werden, sich über die gleichen Dinge aufzuregen. Und wer sich nicht über die gleichen Dinge aufregt, gehört irgendwie nicht dazu. Aufregen und Wut schaffen also auch Verbindung. Auf was basiert diese Verbindung? Wenn wir immer wieder mit unserer Wut auf gewaltvolle und diskriminierende Situationen und Zustände reagieren, wann bleibt dann die Zeit, um uns über unsere Utopien und Visionen auszutauschen?

Welche Auswirkungen haben Wut, Aufregen und Jammern auf dich und deine feministischen Communities?

Hier sind einige Fragen, anhand derer du den nächsten Moment der Wut beobachten kannst:
In welchen Momenten stärkt Wut deine Handlungsfähigkeit und in welchen Momenten verringert Wut deine Handlungsfähgikeit?
Ermöglicht dir Wut Verantwortung für das eigene Verhalten und deinen eigenen Handlungsspielraum in bezug auf die besprochenen Themen zu übernehmen?
Bewirken Aufregen und Jammern, dass es dir anfangs besser geht, aber dass langfristig ein bitterer Nachgeschmack bleibt?
Dreht ihr euch beim Aufregen im Kreis und landet immer wieder bei den gleichen Punkten?
Liegt der Fokus auf dem, was alles scheiße läuft, statt auf dem, was gerade gut ist?
Fühlen sich diejenigen durch Wut unterstützt, die möglicherweise als Betroffene von einer konkreten Situation erzählt haben?
Für wen ist Wut möglicherweise auch ein belastendes Gefühl, weil sie häufig mit Wut konfrontiert sind/ waren? Wie kann auf deren Grenzen geachtet werden?